Schwein bleibt Schwein: Vom Schlageter-Narrativ deutscher Patrioten

Bundesarchiv, Autor: Ludwig Vantahlen, Bild wurde verändert, Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Disclaimer: Dieser Text karikiert eine Polemik von Henryk M. Broder, veröffentlicht am 11.01.2015 auf welt.de. Teilweise stilistische Übereinstimmungen sind beabsichtigt.

Die Freikorps waren nach dem ersten Weltkrieg die größten paramilitärischen Verbände in Deutschland. Sie zählten mehrere zehntausend Mann. Nur die deutsche Armee war noch mächtiger, wurde aber gemäß den Bedingungen des Versailler Vertrags nach 1921 von 400.000 auf 100.000 Mann reduziert.

Die Freikorps veranstalteten in ihrer Blütezeit Hetzjagden auf Sozialisten, Kommunisten und generell „Landesverräter“. Sie sorgten für bürgerkriegsähnliche Zustände in Deutschland und lockerten den öden Nachkriegsalltag durch Bombenanschläge, Schießereien, Geiselnahmen, Standgerichte und Exekutionen auf und waren aktiv an der Zerschlagung der Münchner Räterepublik beteiligt.

Allen Angehörigen der Freikorps war gemein, dass sie sich in der Gefahr wähnten, der Frieden nach 1918 würde sie alle „verarmen und zu Sklaven machen“, wie etwa Albert Schlageter, der unter anderem den Kapp-Putsch unterstützte und während der Ruhrbesetzung Bombenanschläge verübte, verlauten ließ. Aus diesem Grund waren Angehörige von Freikorps gewillt, bis zum Äußersten zu gehen, um demokratische Bewegungen und freiheitliche Bestrebungen im Keim zu ersticken und den Krieg für das „Deutsche Kaiserreich“ im Nachhinein doch noch zu gewinnen.

Schlageter und seine „Kampfgenossen“ sind seit etwa 90 Jahren Geschichte. Schlageters Geist schwebt immer noch über diesem Land. Heute geht es aber nicht mehr um die organisierte Vernichtung allen dessen, was fremd scheint, sondern um die larmoyant-verklemmte „Verteidigung“ des „christlich-jüdisches Abendlandes“. Das Geheul dieser „Patrioten“ klingt um so wehmütiger, sobald „die Anderen“ Aktionen durchziehen, die so mancher deutsche Patriot doch insgeheim als sein gutes Recht betrachtet.

Nach der Ermordung kleiner Ladenbesitzer in den Jahren 2000 bis 2006 war in den Medienberichten kaum von den Opfern und ihren Hinterbliebenen die Rede. Vielmehr wurde die Beteiligung finsterer, fremdländischer Verbrecherorganisationen durchgehechelt, die Deutschland unterwandern und unsicher machen würden. Die Ladenbesitzer, Angehörige einiger von Natur aus gewalttätiger und zwielichtiger Völker und Religionen, steckten bestimmt mit im Sumpf des Verbrechens … und hey – da sind sie mal selber dran schuld, nä?

Es stellte sich heraus, dass es nicht nur keine finsteren ausländischen Organisationen waren, die dieses Wunderwerk an Logistik und Mordlust vollbracht hatten. Es waren unsere eigenen kleinen Schlageter-Wiedergänger, die etwas gegen „die Überfremdung“ bewirken wollten. Da war man erst mal baff. Weil Deutschland mittlerweile offiziell vorgibt, sein Selbstverständnis nicht mehr aus dem Schlageter-Narrativ zu beziehen, hagelte es nur so von Distanzierungen und Beschönigungen.

Denn: Wenn man „Deutsche unter Generalverdacht“ stelle, wie der Vorsitzende der türkischen Gemeinden Kenan Kolat 2013 es unter Bezug auf Brandstiftungsermittlungen im Kölner Stadtanzeiger angeblich tat, sei das „Rassismus“. So die Spürnasen von „Politically Incorrect“. Letztendlich weiß man nicht, mit wem man mehr Mitleid empfinden sollte, mit den Opfern der NSU-Anschläge und den Brandopfern von Mölln und Rostock-Lichtenhagen oder mit der immer wieder beschworenen „friedlichen Mehrheit der Deutschen“, die es angeblich nicht verdient hat, unter Generalverdacht gestellt zu werden.

„Politcally Incorrect“ war das nicht genug: In einem Beitrag vom 18. Dezember 2014 wird ein Video-Mitschnitt des 3sat-Magazins Kulturzeit verlinkt, in dem der Tatverdacht gegen die „angebliche Terrorzelle“ NSU als fragwürdig hingestellt wird. Die unter dem Beitrag veröffentlichten Leserkommentare bedauern das „Folteropfer“ Beate Zschäpe, welches nur mit „Justizhuren“ sprechen dürfe, und stellen die NSU-Morde als „Kampf der türkischen Geheimdienste gegen PKK-Strukturen in Deutschland“ dar.

Solche Aussagen zeugen nicht nur von dem Wunsch, das Geschehene nicht wahrhaben zu wollen, sondern auch von überbordendem Selbstmitleid einiger Deutscher. Sie verstehen sich gerne als Opfer der Umstände, welche nur nicht so zurückschlagen dürften, wie sie es gerne würden. Wen wundert es, ist doch ein Held deutscher Volksmythen der strunzdumme Blondrecke Siegfried, dem die nicht minder strunzdumme Partnerin zweiter Wahl eine Zielscheibe auf den Rücken stickt, damit er hinterrücks erschossen werden kann. Anschließend heiratet sie einen potenten ausländischen Kriegsfürsten und, ach…

Doch zurück zum Anfang. Es gibt erstaunliche Parallelen zwischen den Bemühungen einiger Teile der Gesellschaft, die Verantwortung für hiesige Fehlentwicklungen weit von sich zu schieben und der mittlerweile weit verbreiteten Übung, mit dem Finger auf alle möglichen anderen zu zeigen, lauthals loszujammern und sich „wehren“ zu wollen. Das funktioniert prima, dazu bedarf es nicht einmal eines Tricks.

Der Deutsche an sich fühlt sich verfolgt. Jeder will ihm an den Kragen, an die Identität, ans über Jahrhunderte friedfertig aufgebaute „christlich-jüdische Abendland“, ans wohlverdiente Geld und die traditionellen deutschen Gaue. Was der Deutsche nicht verdient hat: Armut, Arbeitslosigkeit, Kriminalität, „negative Elemente“ in unmittelbarer Nachbarschaft, Überfremdung, Islam und den Euro. Dagegen muß man sich wehren! Das wird der Deutsche ja wohl mal sagen dürfen! Und wenn der Deutsche erst mal mit den Fremd-, äh, den Feinden der Freiheit, fertig ist, wird das Paradies auf Erden ausbrechen.

Blöd nur, dass so viele Volks- und Landesverräter nicht gewillt sind, sich am Projekt „Ein Platz an der Sonne“ zu beteiligen — findet jedenfalls der Deutsche. Der Deutsche ist überall dort tolerant und koexistiert friedlich, wo er an der Macht ist. Dort wo er seine Handtücher zwecks Reservierung eines Platzes an der Sonne hinschmeißen darf. Dort wo er Waffen hinliefert, die Heime der vor seinen Waffen Flüchtenden anzündet und die urdeutschen Werte „Das wird man ja wohl mal sagen dürfen“ und „Wirtschaftsflüchtlinge raus“ skandieren darf.

Natürlich hat der patriotische Deutsche gegen die Islamisierung des Abendlandes mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun. Überhaupt, der Nationalsozialismus, auch das waren Fremdlinge, die von irgendwoher angeflogen kamen und die Deutschen mit ins Verderben rissen. Keineswegs war der Nationalsozialismus der Ausguss einer verhuschten, aggressiven und autoritätshörigen Mentalität, die schon mal dazu neigt, sich selbst zum Opfer finsterer fremder Mächte zu stilisieren und sich hiergegen in einem gewalttätigen Gegenschlag „wehren“ zu wollen. In jedem Land gibt es Patrioten, aber in keinem anderen Land wird dermaßen weinerlich darauf bestanden, dass „Nationalsozialismus“ nur eher zufällig mit „Nation“ zu tun hat.

Die Unterscheidung zwischen gutem „Nationalismus“ und bösem „Nationalsozialismus“ ist, nüchtern betrachtet, so willkürlich wie zwischen Schlageter an sich und dem real existierenden Adolf Hitler. Inzwischen wird sogar weiter differenziert. Es gibt „CDU“, „CSU“, „Die Achse des Guten“, „AfD“, „Pegida“, „Bagida“, „Legida“, „Dogida“, „Die Freiheit“, „Politically Incorrect“, „Republikaner“, „NPD“, haufenweise Kameradschaften und Wehrsportgruppen sowie die „NSU“. Allein diese Nuancierung zeigt, dass es vielerlei Arten gibt, mehr oder weniger höflich darauf hinzuweisen, dass man sich irgendwie umzingelt fühlt und zurückzuschießen wünscht.

Es mutet seltsam an, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, die Ursachen für „Pegida“-Demonstrationen, patriotisch-verstörte Ausfälle unserer Politiker und Brandanschläge auf Flüchtlingsheime in der weinerlich-aggressiven deutschen Mentalität zu suchen. Jene Mentalität, die endlich auch mal das ernten möchte, was ihr aufgrund guter Leistungen auf den FeldernExportüberschuss und jahrhundertelange demokratische Kultur natürlicherweise zusteht. Es gäbe dafür eine Menge guter Belege. Hatte Kaiser Willem Zwo etwa nicht dafür plädiert, „dass niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen“? Haben die Krupps nicht 42-cm-Gamma-Mörser gebaut? Sorgen sich Alexander Gauland und Bernhard Lucke nicht rührend um die Probleme der einfachsten Deutschen?

Wir sehen: Nationalismus ist gut, der Nationalsozialismus ist böse. Diese Botschaft müßte nur richtig kommuniziert werden. Wie wäre es mit der Parole „[Der] unselige Frieden und unsere Politik […] lassen uns vollkommen verarmen und [machen uns] zu Sklaven […].“ Das wäre beinahe ein echter Schlageter.

Quellen und Zitate:

Andreas Dietz: Das Primat der Politik in kaiserlicher Armee, Reichswehr, Wehrmacht und Bundeswehr: rechtliche Sicherungen der Entscheidungsgewalt über Krieg und Frieden zwischen Politik und Militär, Mohr Siebeck, 2011, S. 199

http://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Leo_Schlageter

Manfred Franke: Albert Leo Schlageter. Der erste Soldat des 3. Reiches. Die Entmythologisierung eines Helden. Köln 1980, S. 105

http://www.pi-news.net/2013/04/kolat-stellt-deutsche-unter-generalverdacht/

http://www.pi-news.net/2014/12/video-3sat-nennt-nsu-staatsaffaere/

http://de.wikisource.org/wiki/Hunnenrede

Symbolbild: Kapp-Putsch in Berlin, Freikorps-Angehörige riegeln eine Strasse abby-sa – Original: Bundesarchiv, Autor: Ludwig Vantahlen, Bild wurde verändert

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Nadine Englhart war stellvertretende Vorsitzende im Kreisverband München der Piratenpartei München. Seit 2014 ist sie die Pressesprecherin der Piraten Bayern.

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