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Konsum: Was wir bestimmen könnten…

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Was wir bestimmen könnten…

… wenn wir alle anständig informiert wären. Die Macht eines jeden Einzelnen als Verbraucher und Konsument könnte sehr groß sein. Wenn es ausreichend Transparenz und Informationen gäbe. In einer idealen Welt kann sich jeder frei entscheiden. Beim Konzept des idealen Marktes, das ich aus dem VWL-Unterricht kenne, ist alles, was zu einer Entscheidung notwenig ist, bekannt.

In meiner idealen Welt ist alles allen bekannt. Also auf den Markt bezogen ist jedem das Produkt komplett bekannt, jeder Preis, jeder Verarbeitungsschritt, jeder Inhaltsstoff, einfach alles. Jeder kauft nur das, was er wirklich will. In der Entscheidungsfindung nimmt keiner von außen Einfluss.

In Wirklichkeit sind unsere Einkaufsentscheidungen aber alles andere als frei, sondern werden von Marketing und Verkaufspsychologie massiv beeinflusst.

Psychische Tricks

Bei der Beeinflussung arbeiten die Marketingabteilungen heutzutage mit vielen Tricks. Eine der Grundlagen der psychologischen Vermarktung von Produkten ist das menschliche Streben nach Konsistenz. Am einfachsten lässt sich Konsistenz mit dem Ausspruch „Wer A sagt, muss auch B sagen“ beschreiben. Menschen streben danach, konsistent zu handeln. Einem Ausspruch folgt meist eine Handlung, die dem Ausspruch nicht widerspricht. Passen diese beiden Dinge nicht zusammen, wird man schnell als unehrlich und unglaubwürdig wahrgenommen. Von der Umwelt möchte man aber nicht als unglaubwürdig oder nicht zuverlässig wahrgenommen werden, daher ist es ein starkes inneres Bedürfnis, bei einer einmal getroffenen und ausgesprochenen Entscheidung auch zu bleiben.

Die Werbung macht sich dies zunutze. Sie sagt uns, was wir brauchen, denkt für uns vor und stellt Behauptungen in den Raum. Zum Beispiel erklärt sie uns, dass wir den tollsten Urlaub im Land Y und dem Hotel X erleben werden. Beim Überlegen, wohin man in Urlaub fahren möchte, kommen diese Gedanken dann zurück und die Aussage, dass der Urlaub im Land Y und dem Hotel X ganz super sein wird, hängt einem nach. Also ist es wahrscheinlicher, bei dem bereits von außen gehörten Gedanken zu bleiben und den Urlaubsvorschlag so anzunehmen. Mehr zum Thema Manipulation durch Konsistenz kan man auf Youtube anhören.

Mogelpackungen

Auch durch die Verpackung wird jeder als Käufer beeinflusst. Viel Platz nehmen dort nicht Informationen zum Inhalt ein, sondern Werbeslogans und Versprechungen. Ein indirektes Versprechen hatte vor ein paar Jahren für Aufsehen gesorgt, der Analogkäse. Das ist ein typischer Fall einer Mogelpackung – es wird durch die Gestaltung der Verpackung vorgegaukelt, dass etwas Bestimmtes enthalten ist. Regelmäßig werden solche und ähnliche Fälle von Foodwatch oder anderen in die Medien gebracht. Auf der Webseite Lebensmittelklarheit.de kann jeder Fälle melden, wo durch Verpackung oder Beschreibung eines Produktes ein falsches Bild entsteht. Aber die Bestimmungen, was auf Packungen angegeben werden darf oder kann, sind noch nicht umfassend genug. Es gibt immer wieder Fälle den eines bekannten Kinder-Getränkeherstellers, der ein Produkt als „gesunden Durstlöscher“ angepriesen hatte. Diese Bezeichnung musste dann hinterher entfernt werden, da Mischung von Zucker und Wasser kein Kriterium für „gesund“ sind.

Produktprobe

In Lebensmittelläden gibt es Produktproben von unterschiedlichen Lebensmitteln. Auch hierdurch wird man als Käufer in der Entscheidung beeinflusst. Häufig steht in solchen Fällen jemand hinter der Theke und bietet Saft oder Brotaufstrich zum Probieren an. Dabei wird ein loses Gespräch aufgebaut, in dessen Verlauf zum einen danach gefragt wird, wie es schmeckt und zum anderen, ob man eine Packung des Produkts kaufen möchte. Durch das Annehmen der kostenlosen Probe fühlt sich der Kunde in gewisser Weise schuldig oder zu Dank verpflichtet, und so gibt es zwei Möglichkeiten der Reaktion: Entweder er nimmt den Vorschlag an und kauft das Produkt, oder er lehnt ab. Das Gefühl, noch etwas schuldig zu sein, bleibt jedoch unterschwellig und beim nächsten Produkt, welches sich der Kunde genauer angeschaut, tendiert er eher dazu, es zu kaufen. So oder so, ein Gewinn für den Händler und ein Beweis für die Kraft der Manipulation durch eine Produktprobe.

Was wir nicht wissen

Was verlässlich sein sollte, sind die Inhaltsangaben auf den Verpackungen. Dort steht ja eigentlich alles Relevante, sollte man meinen. Tut es aber leider nicht. Es fehlen viele Informationen, zum Beispiel muss nicht gekennzeichnet werden, gentechnisch veränderte Organismen, so genannte GVOs verwendet werden. Es gibt seit 2009 nur ein freiwilliges Siegel, durch das versprochen wird, dass keine GVO verwendet wurden.

Bei Lebensmitteln muss angegeben werden, dass GVO zum Einsatz kamen, wenn mehr als 0,9% der Bestandteile von genetisch veränderten Organismen stammen. Was aber in keiner Weise gesetzlich geregelt ist, sind Futtermittel, die genetisch verändert sind. Bei allen tierischen Lebensmitteln, auch bei Milch, kann man also davon ausgehen, dass GVO benutzt wurden. Es sei denn, dieses freiwillige Siegel (Ja, da sind wir bei der aktuellen Bundesregierung und ihren freiwilligen Selbstverpflichtungen angelangt, das Siegel stammt von Frau Aigner) ist drauf, mit dem garantiert wird, dass kein Gen-Soja verfüttert wurde.

Und dazu kommt noch das Problem mit der Konsistenz. Wir können heutzutage nicht konsistent einkaufen. Es ist nicht möglich zu sagen „Ich lehne grüne Gentechnik ab, daher kaufe ich nichts, was damit hergestellt wurde“. Denn es ist ja nicht bekannt, wo überall GVO drin sind. (Auf das Für- und Wider zur grünen Gentechnik sowie der Schwierigkeit herauszufinden, wo sie eingesetzt wird, gehe ich hier nicht genauer ein, verweise aber auf die Internetseite transgen.de)

Das heißt also, dass jeder, der versucht bzgl. grüner Gentechnik konsistent einzukaufen, sich vor das Problem gestellt sieht, dass er nicht sicher sagen kann, was er dann noch kaufen dürfte. Der Ausweg – um nicht verwirrt oder unglaubwürdig zu wirken – ist dann leider nur, konsistent zu sagen, dass es einem egal ist. Und damit haben die Hersteller genau das erreicht, was sie erreichen möchten: Der Konsument sieht sich hilflos vor einem Regal mit Dingen, die er eigentlich haben möchte und doch wieder nicht. Pragmatisch wird dann das eigene ideal über Bord geworfen – „Gibt’s nicht ohne GVO? Dann eben mit. Ich möchte dieses Produkt jetzt haben.“

Die Hersteller könnten sagen, was genau verarbeitet wurde. Und wenn sie dabei Schwierigkeiten haben, sollten sie versuchen, diese zu lösen, anstatt zu sagen, dass es schwer ist und damit nicht machbar. Denn immerhin wollen sie alle an unser Geld und wir können entscheiden, Produkte fördern – oder eben nicht. Wir haben die Macht. Mit besseren Angaben auf Verpackungen hätten wir mehr Macht. Aber genau das wollen die Hersteller ja nicht.

Was wir wissen sollten

Alle relevanten Daten wie beispielsweise Allergene, Zucker bzw. Fettanteil, GVO oder auch tierische Inhaltsstoffe (vegan!) sollten klar und glaubwürdig auf Verpackungen abgebildet werden. Nicht klein auf der Rückseite im Kleingedruckten, sondern vorne drauf, groß und mit einheitlichen Zeichen. „Eine Leberwurst ist keine Eigentumswohnung“, sagt Thilo Bode von Foodwatch. „Man will nicht stundenlang vor einem Produkt in einem Regal stehen. Die Kennzeichnung, wie die Industrie sie propagiert, ist nutzlos – die verstehen die Leute nicht, sie sehen nicht, sie merken sie sich nicht. Wenn man Nährwerte kennzeichnen will, muss man es mit Symbolen machen.“ Wir Piraten sind für eine umfangreiche und schlüssige Lebensmittelkennzeichnung sowie Kampagnen zur Bedeutungen von bestehenden Öko- oder Lebensmittelsiegeln und Kennzeichnungen. Einige Standpunkte sind hier in unserem Wahlprogramm der Piraten Bayern nachzulesen.

Genauso könnte die Politik uns Konsumenten unsere Macht zurückgeben. Die Macht, durch unsere Einkaufsentscheidungen die Dinge zu unterstützen, welche wir für unterstützenswert halten. Und die Dinge zu meiden, welche es nicht sind. Denn nur so können wir die Welt nach unseren Kriterien verändern.

Symbolbild: _bundjugendcc-by

Hinweis: Dieser Kommentar wurde von Michaela Keupp geschrieben und stellt nicht notwendigerweise die Meinung des ganzen Landesverbandes dar. Alle Mitglieder können Kommentare über das entsprechende Formular bei der SG Digitale Medien einreichen.

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