Der Schlüssel dreht sich im Schloss. Vor mir öffnet sich ein kleiner Raum mit zwei Türen. Durch eine kommen die Besucher, durch die andere die Insassen. 3 Tische stehen auf etwa 15 Quadratmetern. Um sie herum stehen jeweils 4 Stühle. Der Raum ist, mit Ausnahme eines Tisches, voll besetzt. Es ist laut. Ich nehme mit meinen Begleitern an dem freien Tisch Platz. Ich treffe mich heute mit Gustl Mollath, der seit nun beinahe 7 Jahren in der Bezirksklinik in Bayreuth untergebracht ist. Gegen seinen Willen. Beginnen wir von Anfang an.
Fort Knox ist ein Witz dagegen
Schon während der Anfahrt haben sich Patrick Linnert, mittelfränkischer Vorsitzender den ich heute begleite, und ich darüber unterhalten, was wir uns vorstellen, was uns wohl erwarten könnte. Ein cholerischer Mensch. Eine apathische Persönlichkeit. Natürlich dachten wir auch darüber nach, dass dort ein Mensch, trotz seiner Unschuld, festgehalten werden könnte. Mindestens für mich war der Gedanke dennoch befremdlich. Als ich die Bezirksklinik erreicht hatte, wirkte zu Beginn eigentlich alles recht freundlich. Das Gelände liegt zwischen Bäumen, ein Basketballplatz steht zur Verfügung. Das eigentliche Hauptgebäude, in dem ich mich nach dem Weg zu der gesuchten Station erkundige, ist neu, relativ modern, mutet aber dennoch schon etwas befremdlich an. Man schickt mich einige Meter weiter, hinter das Hauptgebäude. Dort können dann die grün lackierten Fenster nicht über die Überwachungskameras und die teilweise vergitterten Fenster hinwegtäuschen – hier bin ich richtig. Station FP4. Die forensische Psychiatrie. Hier ist, unter anderem, auch Gustl Mollath untergebracht.
Ich komme an einem vergitterten Bereich an, hinter dem die Eingangskontrollen beginnen. Ein Mitarbeiter verlangt meinen Ausweis, ich bekomme eine Besucherkarte und muss durch einen Metalldetektor gehen. Handys und andere Gegenstände, die die Sicherheit gefährden könnten, muss ich im Sicherheitsbereich hinterlassen. Nachvollziehbar, sind die Insassen der Abteilung doch nicht selten Gewalt- oder Sexualstraftäter. Eine Mitarbeiterin führt mich durch ein fensterloses Kellergemäuer aus Beton. Ich fühle mich beengt, unwohl. Dem Satz des Rechtsanwaltes, der mich begleitet: „Da ist Fort Knox ein Witz dagegen“ können Patrick und ich nur mit einem Nicken zustimmen. Auch wenn hier niemand untergebracht ist, wirkt es beängstigend. Der Jurist wurde gebeten uns zu begleiten, weil weder ich noch Patrick rechtsversiert sind und es in solchen Situationen nicht schaden kann, jemanden dabei zu haben, der sich mit dem Strafvollzug, hier besser gesagt Maßregelvollzug, auskennt.
Für die Allgemeinheit gefährlich…oder?
So sitze ich nun also in dem bereits beschriebenen Raum. Eigentlich wollten ich und meine beiden Begleiter mit Herrn Mollath alleine sprechen. Auch um seine Sicht der Dinge genau erzählt zu bekommen. Möglich wäre das allerdings nur für den uns begleitenden Anwalt. Wir lehnen also das Einzelzimmer ab und bleiben alle zusammen in dem Raum. Nach etwa 10 Minuten öffnet sich die Tür und einer der Mitarbeiter bringt Mollath herein. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, einen hageren, ausgezehrten Mann zu treffen, dessen Willen gebrochen ist und der sich mittlerweile damit abgefunden hat, auf unbestimmte Zeit auf diese Weise leben zu müssen. Mitnichten. Knapp 1,80 groß, gepflegt und sehr höflich empfängt uns Herr Mollath. Er bedankt sich, dass wir gekommen sind, setzt sich und Patrick übergibt ihm die Mitbringsel, die er besorgt hat. Zwei Tageszeitungen aus Nürnberg, eine Rolle Kekse, Grüße und Fragen an ihn, sowie eine Packung Erdnüsse. Weder trägt er Handschellen noch ist einer der Bediensteten mit im Raum. Skurril, eigentlich, gilt er bei der Justiz, insbesondere bei Ministerin Merk, doch als gefährlich. So betonte sie, dass er dort ist, „weil er für die Allgemeinheit gefährlich war und gefährlich ist“. Ich stelle mir die Frage, ob die Mitarbeiter der Bezirksklinik diese Meinung teilen und komme zu der Überzeugung, dass sie es wohl nicht tun. Wieso sollte der Mann sonst unbeaufsichtigt und ungesichert mit uns zusammensitzen dürfen?
Telefon und Fernseher ja, Internet nein.
Er erzählt eine Weile von seiner Unterbringung. Er darf telefonieren, was sich allerdings kompliziert gestaltet. Er ist mit über 20 weiteren Personen auf der Station FP4 eingeschlossen, die sich alle ein Telefon teilen müssen. Private Gespräche sind nahezu unmöglich. Auch einen Fernseher konnte er sich erkämpfen. Zeitung lesen darf er auch, allerdings gibt es nur die Lokalpresse. Der Zugriff zum Internet, der eigentlich informationsreichsten Plattform, die ihm auch Recherchen ermöglichen würde, ist ihm allerdings verboten. Er berichtet sachlich und ruhig von seinem Alltag, erzählt, wie er versucht sich „über Wasser zu halten“. Ich kann ihm Fragen stellen, erfahre, dass er noch nicht einmal weiß, was mit seiner Habe passiert ist. Seinem Haus, zum Beispiel. Er ist sachlich und diskret, aber man merkt, dass die Situation ihn – nachvollziehbarerweise – schwer belastet.
Dass sich Horst Seehofer im Laufe des Tages zu Wort gemeldet hat und die Justiz implizit um eine Neubewertung der Sachlage bittet, weiß er bereits. Gut eineinhalb Stunden spreche ich mit dem mittlerweile 56 jährigen, der intelligent und reflektiert wirkt. Das Treffen verging sehr schnell. Wir hätten vermutlich Stunden miteinander reden können. Die Intention bei diesem ersten Gespräch allerdings war, Gustl Mollath kennenzulernen. Wer über einen Menschen in dieser Situation spricht oder gar zu urteilen vermag, muss ihn zumindest kennengelernt haben. Davon bin ich überzeugt. Frau Merk, die bayerische Justizministerin, war nie da. Alle Fragen (auf die ich bewusst nicht eingehe, um eventuelle juristische Schwierigkeiten, auch für Herrn Mollath zu vermeiden) die ich ihm stellen konnte, dienten dazu, ihn seine Sicht der Dinge schildern zu lassen oder von seinen Lebensumständen zu erfahren. Ich denke, ich kann für uns drei sprechen, wenn ich sage, dass seine Ausführungen authentisch, klar und alles andere als „wahnsinnig“ waren. Er nimmt keine Medikamente, wird nicht sediert. Als der Pfleger kommt und mitteilt, dass die Besuchszeit nun beendet ist, bedankt sich Herr Mollath erneut, sagt, dass er sich freut, wenn sich Menschen dafür engagieren, dass sein Fall in die Öffentlichkeit gerät.
Traut sich die Justiz Fehler einzugestehen?
Ich und Patrick verlassen das Gelände wieder, der Anwalt ist schon vor uns gegangen. Wir treffen uns aber alle noch in einem Cafe und haben kurz Zeit, das Treffen zu besprechen. Keiner von uns ist Mediziner. Einer von uns ist Jurist, der bereits mehrere Fälle in Bezirkskliniken übernommen hat, sich aber sicher ist, dass er einen solchen Fall noch nicht hatte. Er ist, wie auch Patrick und ich, davon überzeugt, dass wir mit einem Mann gesprochen haben, der dort nicht hin gehört. Mitnichten scheint Gustl Mollath verrückt zu sein. Das sagt mir auch mein Bauchgefühl, menschliche Intuition, abseits all der Gutachten und forensischen Urteile. Vielmehr ist er ein Mensch, der sich der Wichtigkeit der Justiz bewusst ist, was aus dem Gespräch klar hervor ging. Aber nicht nur das. Gustl Mollath ist sich auch dessen bewusst, dass sie keine unfehlbare Institution ist. Und er ist sich sicher, dass er zu Unrecht in der Zwangsunterbringung feststeckt. Wir uns auch. Wir wollen tun, was in unserer Macht steht um ihn zu unterstützen.
Verschwörung & Versagen?
Was bleibt ist der Vorwurf, den er gegen die Hypovereinsbank erhoben hat. Um Schwarzgeld-Vorwürfe geht es dabei und darum, dass die Aussagen für das Landgericht Nürnberg damals „paranoide Gedankenkonstruktionen“ waren. Nach jüngsten Erkenntnissen waren das aber keine Hirngespinste, sondern zutreffende Fakten. Das räumt sogar die Hypovereinsbank ein. Die Generalstaatsanwaltschaft Nürnberg gab heute ebenfalls bekannt, dass mit einem weiteren Gutachten geprüft werden soll, ob die zwangsweise Unterbringung gerechtfertigt ist.
Der Tag heute war von vielen Zufällen begleitet. Dass sich Seehofer einschaltet, jetzt, wo dem öffentlichen Druck für seine Justizministerin Merk schier nicht mehr gegenzusteuern ist. Dass die Generalstaatsanwaltschaft Nürnberg eine erneute Überprüfung ankündigt. Aber er warf gleichzeitig auch viele neue Fragen auf. Wer sind die Personen, die ein Interesse daran haben könnten, dass Herr Mollath nicht aus der Zwangsunterbringung kommt? Warum gibt es erst jetzt ein Interesse der Generalstaatsanwaltschaft an einer erneuten Prüfung, obwohl die Sachlage, zumindest für den Laien, schon länger erhebliche Zweifel daran lässt, ob eine solche Unterbringung gerechtfertigt ist? Und könnte jemand Interesse daran haben, dass ein Untersuchungsausschuss nicht stattfindet? Zu dieser Überzeugung könnte man nämlich eventuell kommen, wenn man sich das nun beherzte Einschreiten des bayerischen Ministerpräsidenten vor Augen führt, dessen Justizministerin sich noch immer nicht richtig zu erklären weiß und sich in absurden Aussagen verstrickt.
Klingt alles nach Verschwörungstheorie? In Teilen, ja. In diesem Fall allerdings bin ich zum ersten Mal soweit, auch gewissen absurden Theorien nicht sofort abzuwinken. Dazu ist bereits alles viel zu skurril und verschworen. Ich werde ihn wieder besuchen.
Foto: : Dar. – CC-BY-SA-NC
Hinweis: Dieser Kommentar wurde von Dominik Kegel geschrieben und stellt nicht notwendigerweise die Meinung des ganzen Landesverbandes dar. Alle Mitglieder können Kommentare über das entsprechende Formular bei der SG Digitale Medien einreichen.


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