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Oftmals erscheint es Hochschul-Mitarbeitern geradezu willkürlich, wer im nächsten Semester an der Hochschule verbleibt und wer vor die Türe gesetzt wird.

Dringender Handlungsbedarf in der Hochschulpolitik – Kommentar zu #AusstiegHochschule

Immanuel Kant, Hannah Arendt, Arthur Schopenhauer, Friedrich Schiller, Johann Wolfgang von Goethe – unzählige Größen der deutschen Geschichte haben die internationale Prosa und die Geisteswissenschaften geprägt. Ihnen verdankt Deutschland den Beinamen „Land der Dichter und Denker“. Trotz all dem, so scheint es, vergraulen wir in Bayern aktuell unsere Fachkräfte dieser Disziplin.

 

Beobachten lässt sich das sehr gut an dem sich aktuell verbreitenden Hashtag #AusstiegHochschule. Regelmäßig wird er von weiteren Hashtags wie #FrististFrust, #unbezahlt oder #FluchtinsLehramt begleitet. Immer wieder ist von Mitarbeitern unserer Hochschulen zu lesen, die sich über ihre aktuelle Beschäftigungssituation beklagen und den Umständen entsprechend einen Ausstieg aus der Hochschullaufbahn in Erwägung ziehen. 

 

Gründe für die Frustration gibt es einige, zwei stechen besonders hervor: Befristungen, die oft lediglich auf einzelne Semester ausgelegt sind und der umfangreiche Einsatz von sogenannten „Lehraufträgen“.

 

Ein Großteil der Belegschaft unserer Universitäten weiß heute nicht, wo sie in einem halben Jahr arbeiten werden. Ihre Arbeitsverträge haben eine extrem kurze Laufzeit und oftmals erscheint es Hochschul-Mitarbeitern geradezu willkürlich, wer im nächsten Semester an der Hochschule verbleibt und wer vor die Türe gesetzt wird.

 

Neben regulären wissenschaftlichen Mitarbeitern, welche stark von diesem Problem betroffen sind, wird die Situation durch den massiven Gebrauch der auf ein Semester begrenzten Lehraufträge verschärft. Das Konzept der Lehraufträge ist eigentlich als Notbehelf für unsere Hochschulen gedacht. Es ermöglicht einer Universität, kurzfristig eine unterstützende Fachkraft für ein Semester einzustellen, um das Studienangebot zu erweitern. Vollberuflich soll die Fachkraft anderweitig beschäftigt sein. Im Prinzip ist der Lehrauftrag eine ehrenamtliche Tätigkeit mit einer kleinen Aufwandsentschädigung, sie sollte eigentlich nicht dafür genutzt werden, den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Doch gerade am Anfang ihrer Karriere sind Wissenschaftler auf diese angewiesen, um Erfahrungen in Forschung und Lehre vorweisen zu können. Eine vollbeschäftigte Anstellung wird ihnen in den seltensten Fällen finanziert. 

 

Anna Kalvey, Mitglied der bayrischen Piraten, Wissenschaftlerin und ebenfalls betroffen, beschreibt das Problem aus ihrer Sicht:
„Als angehende Vollblut-Wissenschaftlerin bleibt mir keine andere Wahl, als mich mit Lehraufträgen im universitären System zu halten. Wenn ich keine Erfahrung in der Lehre vorweisen kann, ist ein besser bezahltes Angestelltenverhältnis kaum möglich. Leben kann ich von meiner Leidenschaft für die Forschung nicht – die Wissenschaft hingegen braucht leidenschaftliche Forscher und Forscherinnen. Es bleibt ein Teufelskreis, der das System unserer Hochschulen bestimmt.“

 

Ein Lehrbeauftragter in Bayern verdient etwa 30 Euro brutto in der Stunde. Pro Semesterwoche können höchstens 2 Einzelstunden angerechnet werden. Insgesamt ergibt das eine Höchstzahl von 28 Stunden im Semester. Damit liegt der Verdienst bei 240 Euro brutto im Monat. Wird das Seminar nur von wenigen Teilnehmern besucht, wird gar nicht gezahlt. Auch Feiertage – beispielsweise fehlende Stunden in der Winterzeit – werden nicht vergütet. Wenn mehrere Lehraufträge gleichzeitig ausgeübt werden, darf ihre Summe 9 Semesterwochenstunden nicht überschreiten, mehr als 9 Semesterwochenstunden werden nicht vergütet. Die Lehrbeauftragten werden auch nicht als Teilzeitkraft eingestellt. Die Vergütung gehört steuerlich zu den Einkünften aus selbstständiger Arbeit. Die Angestellten sind also selbst in der Pflicht, sich um Sozial- und Rentenversicherung zu kümmern. 

 

Die Verantwortlichen an Universitäten klagen über zu wenig Budget für Personal und sehen keinen anderen Weg, als ihr Studienangebot über diese Lehraufträge zu erweitern. Ein Verzicht auf das Konzept der Lehraufträge ließe unser Hochschulsystem sofort zusammenbrechen.

 

Wollen wir verhindern, dass viele unserer ambitionierten Forscher in das EU-Ausland abwandern, oder ihre akademische Laufbahn zur Gänze aufgeben, da ihre finanzielle Sicherheit nicht gewährleistet ist, müssen wir handeln! Tun wir das nicht, könnten viele Studiengänge zusammenbrechen und mit ihnen das Wissenschaftssystem unserer Universitäten. 

 

Wir PIRATEN fordern:

Um Schaden von unserem Wissenschaftssystem abzuwenden, muss das Budget unserer Hochschulen für die Beschäftigung von wissenschaftlichen Mitarbeitern auf eine realistische Höhe angehoben werden und es ist dafür zu sorgen, dass Lehraufträge wieder eine Ausnahme werden. Die Mitarbeiter unserer Hochschulen benötigen unbefristete Arbeitsplätze und eine faire Bezahlung.

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