Wie heterosexuell ist der CSD?

Jeder der wenigstens ab und zu Nachrichten konsumiert, kennt den CSD oder besser Christopher Street Day. Die wenigsten der Heterosexuellen kennen jedoch die eigentliche Bedeutung des CSD. Nachdem zurzeit wieder weltweit in vielen Städten der CSD begangen wird, ist es auch einmal Zeit, daran zu erinnern und zu erklären, worum es bei dem CSD geht. Der CSD hat einen sehr ernsten Hintergrund und wurde nicht nur als gigantische „Pahtie“ oder Werbeplattform für kreidefressende Politiker ins Leben gerufen, wie man mittlerweile sehr häufig denken mag. Neben dem geschichtlichen Hintergrund hat der CSD auch eine sehr wichtige Botschaft für die heterophile Bevölkerung.

Was wir heute schlicht als „Christopher Street Day“ bezeichnen, erinnert an die sogenannten Stonewall-Aufstände im Bezirk Greenwich Village in New York. Um die Situation zu verstehen muss man wissen, dass es zu dieser Zeit vollkommen normal war, dass die Polizei Razzien in Schwulenlokalen und um diese Lokale herum durchführte. Diese waren gerade in der Zeit der 1960er Jahre als sehr brutal gefürchtet. Des Weiteren wurden bis ins Jahr 1965 Aufgegriffene in der Presse namentlich veröffentlich, was verheerende Folgen für die so Zwangsgeouteten hatte. Man mag sich fragen, wieso wurden Razzien durchgeführt? Nun, zu dieser Zeit reichte Händchenhalten, Küssen oder einfach nur „das Tragen der Kleidung des anderen Geschlechts“ um als Homosexueller verhaftet zu werden. Dies wurde in den allermeisten Fällen mit „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ begründet. Einige Historiker berichten, dass dies auch sehr gerne zu rassistischen Übergriffen genutzt wurde, denn diese Razzien folgten einem gewissen Ritual. Zuerst wurden die Bars gestürmt in denen mehrheitlich Afro-Amerikaner verkehrten. Erst danach wurden andere Bars „auseinander“ genommen. Als 1965 die Methode der öffentlichen Anprangerung verboten wurde, griff die Polizei zu dem Mittel der Lockvögel, was auch heute noch im Amerika des 21. Jahrhunderts ein beliebtes Mittel der „Überführung“ ist. Beamte in Zivil nahmen aktiv Kontakt zu Homosexuellen auf und verleiteten sie zu „strafbaren Handlungen“ um sie dann später festzunehmen, anzuzeigen und vor Gericht als Zeuge aufzutreten. Das berühmteste Beispiel hierfür dürfte wohl die Verhaftung und Verurteilung des Sängers George Michael sein.

Die eigentlichen Aufstände begannen in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969 (etwa gegen 1.20 Uhr des 28. Juni). Zu diesem Zeitpunkt fand wieder eine der berüchtigten brutalen Razzien im Stonewall Inn in der Christopher Street statt. Das Besondere an diesem Abend war, einerseits befanden sich sehr viel mehr Homosexuelle als üblich in New York, da am Tag zuvor die Ikone Judy Garland beigesetzt wurde. Andererseits fand die Razzia zu einem Zeitpunkt statt, der der Hauptgeschäftszeit entsprach und somit sehr viele Gäste anwesend waren. Wie es genau zu den Aufständen kam, ist nicht ganz geklärt. Eine Theorie besagt, die Transgender-Frau namens Sylvia Rivera habe eine Flasche nach einem Polizisten geworfen, nachdem er sie mit dem Schlagstock geschlagen hatte. Eine andere Theorie besagt, eine Lesbe habe sich gewehrt in ein überfülltes Polizeiauto gesteckt zu werden und habe die umstehenden um Hilfe aufgefordert (Quelle: Salih Alexander Wolter: Stonewall revisited: Eine kleine Bewegungsgeschichte. In: Heinz-Jürgen Voß / Salih Alexander Wolter: Queer und (Anti-)Kapitalismus. Stuttgart 2013: Schmetterling Verlag.)

Wie auch immer es anfing, die Folge war der allererste Aufstand von Homosexuellen gegen Polizeiwillkür und Unterdrückung, der noch heute in der Erinnerung verbleibt. So trieb die aufgebrachte Menge die anwesende Polizei zurück in das Stonewall Inn wo diese sich verbarrikadierte. Der zufällig vorbei kommende, wohlgemerkt heterosexuelle, Folk-Sänger Dave Van Ronk wurde von der Polizei dabei mit in die Bar verschleppt und dort von diesen so schwer misshandelt, dass einige von regelrechter Folter sprachen. Diese Tat stachelte die Menge noch mehr an und der Zorn entlud sich endgültig. Urbane Mythen sprechen von Drag Queens die mit den Absätzen ihrer Stöckelschuhe die Scheiben von Polizeiautos zertrümmerten. Die Aufstände setzten sich auch die folgenden Tage fort und selbst die hinzugerufene Tactical Patrol Force (eine Frühform der heutigen SWAT-Einheiten) war nicht in der Lage, die wütende Menge in den Griff zu bekommen.

Historiker betrachten die Stonewall Aufstände als den Beginn der modernen Schwulenbewegung, die selbstbewusst und mit lauter Stimme für eine Anerkennung und für gleiche Rechte kämpft. Diese Aufstände rückten zum ersten Mal die Zustände in der Schwulenszene und die Verfolgung die Homosexuelle zu erdulden hatten in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit. Folgerichtig entstand danach eine der allerersten Schwulenorganisationen, die Gay Liberation Front (GLF). Doch was hat dies alles mit Heterosexuellen zu tun?

Wir können aus dieser Geschichte vieles lernen. Zum Beispiel, die Unterdrückung mag eine gewisse Zeit funktionieren, aber je länger sie anhält desto gewalttätiger wird der Ausbruch, wenn es schließlich zum Aufstand gegen die Unterdrückung kommt. Zweitens, Freiheit ist nichts Gottgegebenes. Sie ist ein Gut, das täglich neu erkämpft und verteidigt werden muss. Drittens, nur weil jemand einen etwas anderen Lebensstil hat, heißt das nicht, dass er „weniger Mensch“ ist. Viertens, auch eine Organisation die sich mit einem noblen Ziel gegründet hat, kann korrumpiert werden, so wandelte sich die GLF im Laufe der Zeit und „verstieß“ z.B. Transgender aus ihren Reihen. Fünftens, und damit gibt es wieder den Bezug zu den „kreidefressenden Politikern“, in jeder Freiheitsbewegung werden sich Trittbrettfahrer einschleichen, die diese versuchen für ihre eigenen Ziele zu nutzen. Und sicherlich, gibt es noch viele andere Punkte die sich ohne Probleme auch in die Neuzeit übertragen lassen.

Abschließend möchte ich sagen, dass jetzt sicherlich auch ein Heterosexueller erkennen wird, dass es neben der interessanten Geschichte zum Christopher Street Day auch für ihn hier eine Lektion zu lernen gibt. Nicht nur über Homosexuelle sondern auch für sein eigenes Leben und seine Interaktionen mit der Gesellschaft. Hoffen wir, dass sie verstanden wird.

Hinweis: Dieser Kommentar wurde von Bernd Kasperidus geschrieben und stellt nicht notwendigerweise die Meinung des ganzen Landesverbandes dar. Alle Mitglieder können Kommentare über das entsprechende Formular bei der SG Digitale Medien einreichen.


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Bernd wohnt in Bamberg und ist leidenschaftlicher Verfechter von Gleichstellung, Bürger- und Menschenrechten.

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