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Bildung ist nie zu teuer

Offene digitale Lehrmaterialen

„Wir lernen fürs Leben“ bekommt im Internetzeitalter ein Update; denn das Internet verändert die Art und Weise, wie wir lernen und lehren. Neben neuen Fächern sind es vor allem Techniken und Organisationsformen, die wir benötigen, um in einem inflationären Angebot von Informationen und Wissen das für uns Nützliche herauszufiltern und uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Die Stichworte „digitale Mündigkeit“ und „Medienkompetenz“ umschreiben somit zwei der wichtigsten Fähigkeiten, die Menschen heute beherrschen müssen, wenn lebenslanges Lernen mehr denn je an die Stelle fest abgeschlossener Ausbildungszyklen tritt. Das Lernen und Adaptieren neuer, sich ständig entwickelnder Techniken und Medien gehört heute zur individuellen Entwicklung bis ins hohe Alter. Dagegen ist die Fähigkeit, Informations- und Medienkompetenz zu vermitteln, nur durch ein umfassendes und stetiges Schulungskonzept für pädagogische Fachkräfte zu erreichen; denn vielfach gehen die Schüler bereits weitaus selbstverständlicher mit dem Internet und mobilen Endgeräten um als ihre Lehrer.

Dabei macht es das digitale Aufbereiten von Lernmitteln aus verschiedensten Quellen möglich, Lerninhalte in offenen Präsentationsformaten zu vereinen, die individuelles Lernen unabhängig von Ort, Zeit, persönlicher Begabung und Lernstil fördern.

Die Technik des „Remix“ (Kombinieren verschiedener Quellen) und das synchrone kollaborative Erarbeiten von Lerninhalten sind die Zukunft der Bildung.

Digitale Lernmittel (OER – Open Educational Ressources) sind weltweit auf dem Vormarsch, jedoch ist Deutschland eines der weltweiten Schlusslichter. OER hat international zu einem Bildungsboom geführt und setzt wesentlich auf das Lizenzmodell „Creative Commons“. Es wird in Deutschland jedoch durch die starke Lobby der Schulbuchverleger blockiert. Die sieht ihr lukratives Geschäftsmodell zwischen staatlicher Lernmittelzulassung in den Ländern und dem Schulbuchmonopol in Gefahr. Die Bundesregierung hat sich diesem Lobbydruck gebeugt: So machen sich in Deutschland Lehrer weiterhin strafbar, wenn sie zu umfänglich Inhalte aus Schulbüchern digitalisieren und mit anderen Quellen für ihre Schüler kombinieren.

Die Schaffung einer umfassenden Bildungsschrankenregelung des Urheberrechts würde Lehrer und Schüler aus dieser kriminellen Grauzone befreien, denn der befristete § 52a des Urhebergesetzes widerspricht nicht nur der alltäglichen Praxis im Netz, sondern auch dem internationalen Erfolg digitaler Lernmittelfreiheit.

Das gleiche gilt für das OCWC (Open Courseware Consortium) und Open Access (Freier Zugang zu Wissen und Forschung) an den deutschen Universitäten. Wer sich einmal auf http://www.ocwconsortium.org/ durch die online verfügbaren Vorlesungen internationaler Universitäten klickt, kann eine schier unfassbare Tiefe und Vielfalt frei verfügbarer Vorlesungen und Bildungsmedien entdecken. Eine Vielfalt, die jedem Menschen auch ohne Hochschulreife zur Verfügung steht.

Auf den zweiten Blick stellt sich die Frage, warum nicht eine einzige deutsche Universität ihre Vorlesungen im Internet bereitstellt. Statt die Machbarkeit zu prüfen und das auch hier hinderliche Urheberrecht zu reformieren, wurde dem Druck der Lobby der Wissenschaftsverlage nachgegeben. Wissen und Bildung bleiben im Land der Dichter und Denker eingezäunt.

Dieser Beitrag wurde von Bruno Kramm für den Kaperbrief Bayern verfasst.

Symbolbild von David Ortez unter der CC-BY

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