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Was wir vom Web lernen können

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Das Internet hat einen kometenhaften Aufstieg erlebt und viele grundlegende Dinge komplett umgekrempelt. Rückwirkend betrachtet wird Tim Berners-Lee für seine Erfindung zum Helden.

Doch das ist wie immer nur die halbe Wahrheit. Denn in Wirklichkeit werden das „Internet“ und das „World Wide Web“ viel zu oft vermischt, wie ich es auch in den ersten zwei Sätzen hier getan habe.

Das Internet gab es schon lange, bevor Tim Berners-Lee sich das Hypertext-Transfer-Protokoll (HTTP) und die Hypertext-Markup-Language (HTML) ausgedacht hat und damit den ersten Browser und eben das World Wide Web erfand.

Das Internet davor hat schlicht die große Masse nicht interessiert. Es war bei weitem nicht alleine. Bereits Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts gab es zahlreiche Datennetzwerke, die auch interessierte Laien nutzen konnten. Die Datenraten waren langsam, und das typische Erscheinungsbild bestand aus Textwüsten.

Netzwerkdienste wie CompuServe versuchten, das zu ändern. 1987 wurde das heute noch bekannte GIF-Dateiformat erfunden, um endlich farbige Bilder übertragen zu können. Selbst BTX trumpfte mit 4.096 Farben auf. Anfang der 90er Jahre gab es dann einen regelrechten Boom an neuen Programmen, welche die alten Text-Oberflächen ablösen sollten und Datenreisen mit Grafik versprachen. Es gab unzählige Netzwerke, wie AOL, BTX, CompuServe und Mailboxen, auch zusammengeschlossen in eigenen Netzen. Dass ausgerechnet das World Wide Web sich durchsetzen sollte, war damals alles andere als klar. Die Erfindungshöhe eines grafischen Aufsatzes für Datenübertragung ist auch eher gering gewesen in der damaligen Zeit. Selbst die Idee des Hypertexts ist uralt

(siehe Wikipedia).

Ich will hier nicht Tim Berners-Lee schlecht machen. Ich will nur darlegen, dass die geniale Idee am WWW keineswegs das war, was viele glauben. Der wirkliche Grund für den überwältigenden Siegeszug ist nämlich so offensichtlich, dass die meisten ihn einfach übersehen: Offenheit.

Die Seiten im WWW werden in einem bestimmten Format erstellt. Das nennt sich HTML. Im Prinzip ist das einfacher Text mit Steueranweisungen in spitzen Klammern. Also, wenn ich etwas fett haben will, setzt ich ein <b> davor und ein </b> dahinter. Das b steht für „bold“, was im Englischen eben fett bedeutet.

Das klingt jetzt einfach, aber recht viel mehr ist es tatsächlich nicht. Dieser Code wird nun übertragen und im Browser zur Darstellung gebracht. Aber nicht nur das: der Anwender kann sich auch sehr leicht den Quellcode anzeigen lassen. D.h. wer ein Dokument ins Netz stellt, muss automatisch seine Geheimnisse mit preisgeben, wie er genau die Darstellung erreicht hat. Jeder mit ein wenig Basiswissen kann nun diese Seite verwenden und fröhlich eine eigene Variante erstellen. Jeder, der diese Technik erlernen will, kann im ganzen Web Beispiele zur Weiterbildung finden. Ein paar Grundlagen, die sich in Deutschland dank Stefan Münz mit seinem Projekt SelfHTML jeder schnell aneignen konnte.

Der 14-Jährige Nachbarsjunge konnte mal eben eine Firmenhomepage bauen, weil er sich alles, was er an Wissen dafür brauchte, in kürzester Zeit aus dem Netz holen konnte.

Diese Offenheit war der wirkliche Vorteil des World Wide Web gegenüber den Konkurrenten. Denn Offenheit ermöglicht die Zusammenarbeit mit anderen. Und diese Offenheit und Kooperation treibt noch heute die Entwicklung an. Programme auf Webseiten werden in JavaScript geschrieben. Auch hier ist der Quellcode immer einsehbar. Viele Programmierer verschleiern deswegen erst gar nicht ihre Werke, sondern stellen gleich alles offen ins Netz und laden andere zur Mitarbeit ein. Auch große Konzerne machen bei dem Spiel mit und spendieren ihre geistige Arbeit der Community. Das macht JavaScript zu einer mächtigen Programmiersprache, wie es vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre. JavaScript ist eine interpretierte Sprache und hatte anfänglich keinen guten Stand bei Programmierprofis. Da kann man ja gleich Anfängersprachen wie Basic oder Logo nehmen. Mittlerweile hat sich das geändert.

Es gibt Geräte, die voll auf Webtechnik setzen und damit JavaScript zur Hauptsprache machen. Googles Chromebooks etwa oder die kommenden Firefox OS Smartphones. Selbst Spiele, die traditionell die stärksten Anforderungen an die Leistung stellen, wandern langsam ins Web. Einer der „Motoren“ für aufwendige 3D-Spiele, die Unreal Engine, gibt es bereits als reine Web-Version. Auch am Server hat JavaScript mit node.js den Siegeszug bereits angetreten. Das ist die Lösung, wenn man tausende Anfragen gleichzeitig abwickeln will.

Offenheit und Zusammenarbeit sind der Schlüssel für das World Wide Web. Dieser macht den Erfolg aus. Wenn wir also etwas vom Web lernen können, dann ist es das: Wenn Menschen offen zusammenarbeiten ohne die Angst, jemand könnte eine Idee stehlen, dann entstehen große Dinge. Offenheit und Zusammenarbeit sind der Schlüssel. Patente und Copyright stören dabei genauso wie Gewinnstreben von Einzelnen. Möglich, dass das Patentsystem im 19. und 20. Jahrhundert Innovationen gefördert hat, heute ist es die größte Bremse. Damit fährt die Gesellschaft mit angezogener Handbremse in Richtung Zukunft. Wir brauchen Kooperation statt Wettbewerb.

Schade, dass wir uns derzeit in die komplett entgegengesetzte Richtung entwickeln.

Hinweis: Dieser Kommentar wurde von Andrea Klier geschrieben und stellt nicht notwendigerweise die Meinung des ganzen Landesverbandes dar. Alle Mitglieder können Kommentare über das entsprechende Formular bei der SG Digitale Medien einreichen.

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