Ich bin schwul … und das ist gut so?

Foto von zwei Männern im Brautkleid (daameriva - CC-BY)

Gleich eine Warnung an »sanfte Gemüter«, entgegen meiner sonstigen Gewohnheit ist dieser Kommentar eher ein persönliches Bekenntnis denn ein halbwegs sachlicher Text.

Die letzten Wochen und Tage waren für einen Homosexuellen wie mich eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Erst die Meldungen über die gesellschaftlichen Fortschritte in Frankreich und dem erzkonservativem Großbritannien, dann wieder der Ärger darüber, dass bei uns in Deutschland eine kleine, radikale Minderheit genau diesen Fortschritt verhindert.

Dann natürlich auch jetzt die Vorfälle, in denen ein schwuler 72-jähriger Rentner eines katholischen Altenheims verwiesen wurde oder aber ein schwuler Gastronom in Niederbayern sogar Drohbriefe erhielt.

Dies sind Vorfälle, die sehr plakativ sind und natürlich wütend machen. Dagegen vorzugehen, sollte eigentlich Pflicht einer jeden guten Bürgerin und eines jeden guten Bürgers sein. Das beklemmende ist jedoch: als Schwuler ist man über solche Vorfälle gar nicht einmal so überrascht, man ist gar nicht einmal so verärgert darüber. Das mag für viele Heterosexuelle erstaunlich sein, aber irgendwie ist man es gewohnt und fängt an, mit der Zeit abzustumpfen.

Ich weiß noch, wie viel Kritik ich für den Satz erhielt: Über 20 Jahre als offen lebender Schwuler in Bayern ist wie ein kontinuierliches GSG9-Nahkampftraining

Es ist aber so wie bei einem Nahkampftraining. Man hält entweder nicht stand und geht unter oder aber man entwickelt eine Abgestumpftheit gegen Schläge und einen »pawlowschen Reflex«, um teilweise schon präventiv gegen Angriffe vorzugehen.

Und so geschieht das, was geschehen muss. Man ist über die Meldung gar nicht mal so verärgert, man weiß, dass man hier Flagge zeigen und einschreiten muss, aber man entwickelt eher eine Wut gegenüber den Reaktionen, den scheinheiligen, voraussehbaren Reaktionen. Wie immer, wenn es so ein Beitrag in die Presse schafft, kriechen die üblichen Verdächtigen wie z. B. die altgedienten Parteien, die Interessenverbände, die Kirchen, die politisch-korrekt von »extremer Betroffenheit« Befallenen und leider auch die Promi-Schwulen aus ihren Löchern und geben immer dieselben Statements ab

»Wir haben in unserem Programm stehen, dass …«, »Es ist unglaublich, dass dies geschehen konnte, weil …«, »Wir haben ja immer gesagt, dass XY gemacht werden muss, aber …« und so weiter.

Sowohl von Organisationen als auch prominenten Einzelpersonen viele, viele Worthülsen, aber letztendlich ändert sich nichts.

Diese Vorfälle sind ja auch nur die Spitze des Eisberges: Nur wenige extreme Fälle werden von der Öffentlichkeit wahrgenommen, haben aber nichts weiter mit dem täglichen Spießrutenlaufen zu tun.

Das fängt schon scheinbar banal an. Ich: 42 Jahre alt, 1,88 m groß und ca. 120 kg schwer. Nicht übermäßig dick, aber auch nicht dünn. Kein Bodybuilder, aber auch nicht schmächtig. Habe eine gute Portion Humor (auch wenn sie manchem bisweilen zu zynisch und zu schwarz ist), mag aber genauso ernsthafte Diskussionen. Beschäftige mich gerne, liege aber genauso gerne beim »Extrem-Couching« vor dem Fernseher. Liebe Klassik, aber auch Pop und Rock. Lese genauso gerne ein Buch über Quantenphysik wie Groschenhefte der 60er Jahre.

Alles in allem ein typischer, normaler, vollkommen durchschnittlicher Deutscher, wie sie zu Millionen in Deutschland herum laufen. Trotzdem werde ich immer wieder auf das eine Merkmal reduziert, dass mich von 90% der deutschen Männer unterscheidet: Ich denke, Männer sind die »liebenswerte Geschöpfe«.

Warum meint der Pfarrer unbedingt, mich auf der Beerdigung eines engen Familienangehörigen beiseite nehmen zu müssen und mir zu sagen:

Bernd, ich habe von Deiner Krankheit gehört (die Homosexualität), mit Gebeten und dem Weg zurück zu Gott wirst Du Leitung und Heilung finden..

Er mag es aus seiner Sicht gut gemeint haben, mir fiel die Kinnlade herunter.

Wieso werde ich zum Chef bestellt, der mir eröffnet:

Sie sind gesehen worden, wie Sie ein ‚Männeretablissement‘ aufgesucht haben. So etwas ist schädlich für den Ruf der Firma.

Warum kann mir der Kellner im Kaffeehaus sagen, als ich einem Freund einen Kuss auf die Wange gegeben habe:

Meine Herren, wir würden begrüßen, wenn Sie dies unterlassen könnten, die anderen Gäste fühlen sich gestört.

Am aller schlimmsten sind jedoch – jedenfalls für mich und viele, die ich kenne – die Political-Correctness-Wächter und Vollzeit-Betroffenen, meist auch noch heterosexuell, die mir als Schwulen erklären wollen, wie ich mich richtig zu fühlen und politisch korrekt zu verhalten habe. In gutem Glauben wird genauso mit Klischees gearbeitet wie es bei den Homophoben der Fall ist.

Das eigentliche Problem sind nicht diese plakativen Fälle, diese Extreme. Sie holen nur die Berufs-Empörten aus ihren Löchern und fabrizieren einen kleinen Sturm im Wasserglas. Nachdem dieser vorbei ist, und die Berufs-Empörten ihre fünf Minuten Presseruhm genießen konnten, geht alles wieder zurück auf gehabt. Was wirklich angegangen werden muss, ist ein kontinuierlicher gesellschaftlicher Wandel. Ein Ändern der Gesellschaft, so dass diese kleinen, gemeinen und auf Dauer zermürbenden Homophobien undenkbar werden. Homosexuelle dürfen nicht mehr nur über dieses eine einzige Attribut definiert werden. In diesem Moment werden auch die großen Extrembeispiele unwahrscheinlicher.

Klarmachen zum Ändern!

Symbolbild: daamerivaCC-BY


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Bernd ist 42 Jahre und wohnhaft in Bamberg und ist Leidenschaftlicher Verfechter von Gleichstellung, Bürger- und Menschenrechte. Mehrere Jahre im Ausland geben ihm einen unverstellten Blick auf die deutsche Gesellschaft.

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