Münchner S-Bahn – Der Weg zur Demontage ist frei!

Foto: Kaffeeeinstein - CC-BY-SA

Auf einer Pressekonferenz haben Ministerpräsident Seehofer und Verkehrsminister Zeil diese Woche großspurig verkündet, die neue Stammstrecke sei 2020 schon befahrbar. Realistisch wird wohl, vor allem wenn man die „Haidhauser Klagewut“ bedenkt, eher 2025, aber Schwamm drüber!

In einem Parteibrief lässt sich Seehofer wie folgt zitieren:

Das ist ein gewaltiger Durchbruch. Für eine moderne Verkehrsinfrastruktur müssen wir auch Großprojekte wie die zweite Stammstrecke stemmen. Die CSU handelt, wo andere bloß reden.

Wie herrlich: Die CSU handelt und redet nicht nur!

Man hätte bereits hunderte Male handeln können, wenn es um den Münchner ÖPNV geht, liebe CSU. Zum Beispiel hätte man schon heute einen weiteren S-Bahn-Ast im Osten, also Richtung Markt Schwaben oder Richtung Ismaning, mit einem 10-Minuten-Takt ausstatten können. Die Kosten wären sogar marginal!

Wer in den Netzplan schaut, erkennt schnell, warum:

Die S1 endet am Ostbahnhof. Diese zu verlängern wäre ein Kinderspiel, denn der Engpass Stammstrecke ist ja bereits überwunden!

Dies über die Bayerische Eisenbahngesellschaft zu beauftragen wäre die Aufgabe von Herrn Zeil, dem Stammstreckenfanatiker der FDP! Aber wenn man heute schon Druck von den Pendlern nehmen würde, die in unzumutbar vollgestopften Zügen fahren müssen, dann entfallen ja die politischen Argumente für dieses fanatisch verfolgte Bauprojekt. Mich wundert daher sowieso, dass Zeil nicht noch Züge abbestellt, um den Druck, mit dem er seinen Tunnel zu rechtfertigen versucht, noch weiter zu erhöhen.

Aber auch abseits des behaupteten „Handelns“ hat sich Seehofer blamiert. Wie ein Fähnchen im Winde dreht er sich Mal für Mal gegen das Projekt. So wie es gerade politisch opportun ist. Auf die Pressekonferenz „Die Stammstrecke ist tot“ im Sommer folgt nun die Pressekonferenz „Lang lebe die Stammstrecke“. Ein kleiner König eben, dieser Ministerpräsident. Noch eine Eigenschaft verbindet Seehofer mit früheren Monarchen Bayerns:

Die finanzielle Rechenkraft.

Schon die Schlösser waren allesamt finanzielle Fiaskos. Nun wird dieses Untergrund-Schloss mit S-Bahnen statt schwimmender Schwäne auch eines: Noch im Oktober redete Seehofer von Kosten in Höhe von 2,237 Milliarden Euro. Heute hat er nur 2,047 Milliarden Euro finanziert. Warum die Stammstrecke jetzt 190 Millionen Euro weniger kosten soll, erklärt Seehofer nicht.

Vielleicht hat man ja wieder irgendwelche Funktionen getilgt? Noch gibt es ja acht Rettungsschächte, nachdem man bereits von zehn Rettungsschächten reduziert hatte. Brandschutz ist dann das, was nachher ein Untersuchungsausschuss wie beim Berliner Flughafen suchen kann. Die Fundstelle, an der dieser Untersuchungsausschuss den Brandschutz finden wird, ist heute in der Planungsphase noch nicht berücksichtigt.

Dass die zweite Stammstrecke einen Rückschritt hinter die zu den Olympischen Spielen 1972 als langfristig definierten Ziele darstellt, ist unstrittig. Statt eines geraden 10-Minuten-Taktes auf allen S-Bahn-Ästen stehen CSU und FDP für verwahrloste Takt-Anarchie! Mal einen Takt10, mal einen Takt15, mal Takt15/30 oder auch mal Takt16/14, den aber nur zu geraden Stunden. Umsteigeverbindungen, die man heute alle 20 Minuten im gleichen Muster vorfindet, werden dann nur noch alle zwei Stunden die gleichen sein. Und warum die Fahrgäste der Freisinger S1 es besonders toll finden sollten, demnächst in die Innenstadt – also zum Stachus, Isartor oder Rosenheimer Platz – umsteigen zu müssen, und wo darin der Fortschritt liegen soll, können weder Seehofer noch Zeil erklären. Die teuerste Sabotage einer wichtigen öffentlichen Infrastruktur nimmt gerade seinen Lauf. Es geht im wahrsten Sinne des Wortes abwärts mit der S-Bahn!

Des Weiteren sei der Leser an die letzten drei Jahre erinnert: Jeweils im Dezember hatte man fast das nötige Geld für die Stammstrecke zusammen, im jeweils folgenden Januar dann eine neue Preiskalkulation. Insofern wäre es endlich an der Zeit, dass sich die CSU (seit dem Transrapid) zu andauernden Fehlern im ÖPNV Münchens bekennt, beim Fahrgast entschuldigt und sich für pragmatische und kosteneffiziente Lösungen öffnet! Alles andere ist politischer Kindergarten inklusive Bauklötzchenwerfen für den Wahlkampf!

Symbolbild KaffeeeinsteinCC-BY-SA

Hinweis: Dieser Kommentar wurde von Andreas Witte geschrieben und stellt nicht notwendigerweise die Meinung des ganzen Landesverbandes dar. Alle Mitglieder können Kommentare über das entsprechende Formular bei der SG Digitale Medien einreichen.


Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht öffentlich angezeigt. Verbindlich einzugebende Felder werden mit diesem Zeichen kenntlich gemacht: *

Weitere Informationen

Andreas Witte ist langjähriges Mitglied der Piratenpartei und beschäftigt sich vor allem mit Verkehrspolitik <small>Foto: Nikki Britz, CC-BY</small>

Die Seite durchsuchen.

Suche

in