Cybersecurity Oder: Der bestechende Charme der Cäsar-Chiffre

Bild: Yuri Samoilov, CC-BY-2.0

Es gibt so etwas wie einen innenpolitischen Reflex. Er besteht darin, unmittelbar nach Anschlägen härtere Gesetze und erweiterte Befugnisse für Ermittlungsbehörden zu fordern. Ob diese verhältnismäßig oder gar geeignet sind, zukünftige Anschläge zu verhindern oder gar deren Hintergründe aufzuklären, ist den Forderern weitestgehend egal.

Nach den Anschlägen von Paris am 7. Januar wurde wieder mal die Vorratsdatenspeicherung als Allheilmittel gepriesen. In Frankreich wurde die VDS vor neun Jahren eingeführt und konnte weder die Anschlagsserie in Midi-Pyrénées 2012 noch die Anschläge im Januar verhindern. Insbesondere die Täter von Paris waren polizeibekannt und wurden seit Jahren überwacht – ohne Erfolg.
Auch die Verfassungsgerichte haben der anlasslosen Vorratsdatenspeicherung eine klare Abfuhr erteilt. Somit ist der Ruf nach ihr lediglich die Vortäuschung politischer Forderungen.

Weitaus bedrohlicher und auf verdrehte Weise sogar einleuchtender klingen die Forderungen nach schwächeren Verschlüsselungen oder deren völligem Verbot, die, aus dem angelsächsischen Raum kommend, von unserem Bundesinnen-de-Maiziére prompt nachgeplappert wurden. Natürlich sind die Dienste nur um unser aller Wohlergehen besorgt. Natürlich müssen sie unbedingt erfahren, was die Terroristen sich so schreiben. Und natürlich könnte jeder ein Terrorist sein. Demnach sollte niemand ein Recht auf seine verschlüsselte Privatsphäre haben, denn wer verschlüsselt hat etwas zu verbergen und Grundrechte sind ja sowas von 1984. Das meinen zumindest David Cameron, Barack Obama und unser Bundesinnen-De-Maiziére.

Cybersecurity als tödlicher Witz?

Der vor knapp zwei Jahren geäußerte Rat des ehemaligen Bundesinnenministers Friedrich an die Bürger, halt einfach die Kommunikation zu verschlüsseln, wenn man nicht abgehört werden möchte (http://www.taz.de/!120146/), klingt angesichts dieser neuen Gedankenspiele beinahe kriminell! Das geht doch nicht! Geheime Geheimkommunikation? Wo kommen wir denn da hin?!

Also: Geheimdienste und Polizeibehörden sind aufgrund starker Verschlüsselung ganz offensichtlich nicht in der Lage, Anschläge zu verhindern. Sie verhindern zwar mit unverschlüsselten Informationen auch keine Anschläge, aber daraus lassen sich keine pressewirksam hysterischen Forderungen basteln. Sobald die Verfahren per Gesetz einheitlich auf die Cäsar-Chiffre oder ähnlich schwache Verfahren umgestellt ist, können die Dienste und Behörden endlich wieder mit unverschlüsselten Informationen im Dunkeln tappen, in falsche Richtungen ermitteln oder Ermittlungspannen produzieren.
Doch was wird dann aus dem 2012 mit viel Tamtam gestarteten Cybersecurity-Leuchtturmprojekt der CSU? Muß sie es einstampfen? Wir schlagen vor, das „security“ durch „joke“ zu ersetzen. Oder man dreht die Argumentation so weit um, bis sie auf die „offensive Abschreckungskomponente“ von der ein Herr Ex-Verteidigungsminister und selbsternannter Sicherheitsberater zu Guttenberg noch vor wenigen Jahren zu faseln beliebte, paßt. Kriminelle Datenabstauber und nach Sicherheitslücken forschende Terroristen ersticken vermutlich an ihren Lachanfällen, wenn sie herausfinden, daß nach Cäsar chiffriert wurde.

„Wer nichts zu verbergen hat …“

Natürlich werden auch im Zuge der Entkryptisierung wieder Stimmen laut, die jenen Bürgern, welche „nichts zu verbergen haben“, suggerieren wollen, dass sie nichts zu befürchten hätten. Außer vielleicht die Insolvenz des Arbeitgebers, weil dank Cäsar-Chiffre Firmengeheimnisse abgeschnorchelt werden konnten. Oder die Ersparnisse, die futsch sind, weil binnen fünf Minuten die verschlüsselt übermittelten Online-Banking-Daten abgegriffen und genutzt wurden. Cäsar-Chiffre FTW!

Anschläge hingegen werden weiterhin verübt werden, weil sich Terroristen üblicherweise einen Dreck darum scheren, was erlaubt ist. Und unsere Politiker werden sich nach jedem verübten Anschlag erneut in politischen Reflexhandlungen ergehen, bis die Bürger irgendwann aufgefordert werden, sich vorsorglich selbst zu fesseln, damit man sie von den frei herumlaufenden Terroristen unterscheiden kann.

Symbolbild: System Lockcc-by-2.0
Hinweis: Dieser Kommentar wurde von David Krcek, Nadine Englhart geschrieben und stellt nicht notwendigerweise die Meinung des ganzen Landesverbandes dar. Alle Mitglieder können Kommentare über das entsprechende Formular bei der SG Digitale Medien einreichen.


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Nadine Englhart war 2014 - 2015 Pressesprecherin der Piratenpartei Bayern. David Krcek ist seit 2014 Stllv. politischer Geschäftsführer der Piratenpartei Bayern.

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