Bayern Kommentar Politik Topthema

Kostenlos-Mentalität öffentlicher Stellen zu Lasten von Auszubildenden

Foto: Tim Lucas, Flickr, Lizenz CC-BY 2.0

Lokale Bürgerblogs sind wichtig. Hier sind oft Menschen engagiert, die weit vorausschauen, Missstände aufdecken und anprangern. Etwas Ähnliches schaffte auch MeinKitzingen.de, als dort aufgedeckt wurde, dass die Webseiten der Nachbargemeinden Biebelried und Sulzfeld durch den nicht direkt ausbildungsbestimmten Einsatz von Azubis erstellt wurden.

In Kurzform zusammengefasst berichtete MeinKitzingen.de darüber, dass der Verein „Förderverein für regionale Entwicklung e.V.“ sich als kostenloser Ersteller von Webseiten anbietet. Doch da 3000 Webseiten in der Referenzliste dieses Vereins waren, kamen MeinKitzingen.de Zweifel an der Finanzierung auf.

MeinKitzingen.de recherchierte daraufhin, dass der Förderverein nur der Lockvogel für die Kommunen ist, um überhaupt bei der Webseite zum Zug zu kommen. Der Förderverein argumentiert mit sozialem Engagement bei der Ausbildung und dürfte mit dieser Masche die lokal ansässigen IT-Unternehmen ausstechen.

Doch der Verein ist eng verstrickt mit der Potsdamer PortUNA GmbH. Dadurch wird den Kommunen und Institutionen, die über den Förderverein eine kostenlose Webseite bestellen, gleich das Content Management System (CMS) von PortUNA untergeschoben. Dieses CMS läuft auf den Servern der PortUNA GmbH. Damit ist es möglich, beim Hosting einen leicht überzogenen Preis zu nehmen und die kostenlose Erstellung der Webseite zu rekompensieren.

Sobald ein Interessent eine Webseite beauftragt, übernehmen nur Azubis die Arbeit. Für einen Anwendungsentwickler-Azubi ist es eine stupide Arbeit, ein CMS mit Inhalten zu füttern. Für einen Grafiker-Azubi ist es eine stupide Tätigkeit, nur ein paar Bilder und Farbwerte einzustellen. Und für keinen Azubi ist es zulässig, Zielvorgaben gesetzt zu bekommen. Und das krasse Missverhältnis von zehn Azubis pro Angestelltem spricht außerdem Bände über die tatsächliche Ausbildungssituation.

Diese Recherche zeigt, wie wenig Kontrolle öffentliche Stellen gegen die Ausbeutung teilweise nicht-volljähriger Azubis bei ihren Beauftragungen ausüben. Sie zeigt auch, wie wenig Kenntnis Beamte von Geschäftsmodellen haben und wie wenig sie technische Geschäfte umreißen können. Wäre Bayern wirklich der Laptop- und Lederhosen-Staat, wäre dieses Malheur den bayrischen Kommunen nicht passiert. Es wird sich zeigen, ob und wie die betroffenen Kommunen daraus lernen werden.

Hinweis: Dieser Kommentar wurde von Andreas Witte geschrieben und stellt nicht notwendigerweise die Meinung des ganzen Landesverbandes dar. Alle Mitglieder können Kommentare über das entsprechende Formular bei der SG Digitale Medien einreichen.

5 Kommentare zu “Kostenlos-Mentalität öffentlicher Stellen zu Lasten von Auszubildenden

  1. Denke eher das die Beamten einfach technisch extrem inkompetent sind und daher dann auf sowas reinfallen, oder es interessiert sie erst gar nicht. Mal wieder ein schönes Beidspiel dafür das Netz Kompetenz auch nach 20 Jahren Internet noch Mangelware ist.

  2. Marvin

    Der Autor unterstellt hier, dass die Motivation der kommunalen Mitarbeiter, das sehr kostengünstige Angebot dieser Firma anzunehmen, auf Geiz beruht. Mit Verlaub gesagt ist das völliger Käse. Basis dafür ist vielmehr die fehlende Option, überhaupt Geld ausgeben zu können – die Kassen der Kommunen sind nämlich LEER. Ist diese Tatsache bei den Piraten eigentlich schon angekommen? Leider ist die Politik offensichtlich nicht in der Lage, diesen Zustand zu ändern, und ist damit indirekt mit Schuld an diesen Zuständen.

    Die Krönung dazu bilden dann klugschei*ende und unsachliche Kommentare, die einer Berufsgruppe mangelnde technische Komeptenz unterstellen und selbst nicht in der Lage sind, fehlerfreie Texte zu schreiben.

    • Ich kann Marvin voll und ganz zustimmen. Und wenn ich dann noch lese „Kostenlos-Mentalität öffentlicher Stellen zu Lasten von Auszubildenden“ denke ich an unseren Azubi. Auch er muss Sachen machen, die wir nicht machen mögen und die ganz einfach auch erledigt werden müssen. Und das ist doch keineswegs verwerflich (ich kenne keinen Azubi, auf den dies nicht in seiner Ausbildung zutrifft).
      Der „Förderverein für regionale Entwicklung e.V.“ als kostenloser Ersteller von Webseiten wird immer im „Kreuzfeuer“ der lokal ansässigen IT-Unternehmen stehen, weil er ihnen die Kommunen als zahlungszuverlässige Kunden vom Markt nimmt.

      • Es geht hier aber nicht um einen Verein, der Kostenfreie Webseiten erstellt. Es geht um einen Verein, der Webseiten erstellt, welche auf einem unterirdischen qualitativen Niveau erstellt werden, so dass wohl jeder x-beliebige Webdesigner das für wenig Geld besser machen würde. Anschließend gibt es für die Gemeinde als einzige Option einen überteuerten Hostingvertrag: 15 Euro Grundkosten, 20 Euro extra für das Basis SSL Zertifikat (für andere kostet es mehr). Wenn die Website Responsive erstellt wurde darf der Kunde auch noch 35 Euro extra je Monat für das Hosting zahlen. Teurere Hostinggebühren, wegen höherem Erstellungsaufwand? Spätestens da wird klar, dass es eben kein Kostenloses Angebot ist, sondern die Kosten direkt auf die Monatlichen Gebühren umgelegt werden. Im Normalfall kostet ein Hosting inklusive Domain und SSL Zertifikat ca 2-5 €, bei dem Förderverein berappt der Kunde 70 €, Kommunen bekommen gerne auch noch einige „wichtige“ Zusatzkosten in Rechnung gestellt.
        Bei der dann gelieferten Webseite muss man sich allerdings tatsächlich fragen, ob umsonst nicht sogar zu teuer ist. Kundenwünsche, die über „ich hätte gerne eine andere farbe“, oder „das Menü hätte ich lieber auf der Linken Seite“ hinaus gehen werden damit abgebügelt, dass es ja eine Kostenlose Seite ist und die Azubis das leider nicht umsetzen können. Für 840 € pro Jahr gäbe es wohl tatsächlich bei den lokal ansässigen IT-Unternehmen auch halbwegs odentliche Webseiten. Und im Zweifelsfall müsste die Kommune halt mal drei Jahre sparen. Aber eine Webseite wird ja auch nicht alle drei Jahre neu gemacht und so zahlt diese am ende eben immer drauf und die Firma hinter dem Verein verdient sich dumm und dämlich.

  3. Danke für die Recherchen! So lange es noch dumme gibt, die diesen „Verein“ beauftragen oder auf die hereinfallen, wird dieses dubiose Geschäftsmodell wohl leider weiterlaufen. Es ist schön, dass hier einmal die Wahrheit über diese Sache geschrieben wird!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.