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Die Möglichkeit zur anonymen Geburt

Foto: Andy Forster - CC-BY
Foto: Andy Forster - CC-BY

Am 13.01.2013 hat der Landesparteitag der bayerischen Piraten sich für den Erhalt der Babyklappen ausgesprochen, die immer wieder von verschiedenen Seiten, z.B. vom Deutschen Ethikrat, infrage gestellt werden. Babyklappen gibt es seit 1999, bundesweit sind es ca. 80. Ziel ist es, die Zahl der kurz nach der Geburt getöteten Kinder zu reduzieren.

Der Titel des Antrages nennt nur den Erhalt von Babyklappen, aber er enthält noch einen weiteren Punkt, den ich auch für sehr wichtig halte: die Ausweitung der Möglichkeiten zur anonymen Geburt. Die Gesetzeslage ist eindeutig: Hebammen und Ärzte sind verpflichtet, die Daten der Mutter nach einer Geburt zu melden. Und das Bundesverfassungsgericht spricht Kindern das Recht zu, ihre genetische Herkunft zu erfahren.

Anonyme Geburten darf es also eigentlich nicht geben. Darüber setzen sich ca. 130 Kliniken in Deutschland hinweg und bieten genau dies an: Frauen können ihr Kind mit medizinischer Hilfe gebären und es danach in der Klinik zurücklassen. Meldet sich die Mutter nicht innerhalb von acht Wochen, wird es zur Adoption freigegeben. Zudem bieten einige Organisationen die Möglichkeit zur anonymen Kindsabgabe an. Die Mutter ruft eine Telefonnummer an und vereinbart einen Treffpunkt, an dem sie ihr Neugeborenes einer Mitarbeiterin übergibt.

Das Angebot zur anonymen Geburt wird stärker in Anspruch genommen als das der Babyklappen und der anonymen Kindsabgabe. Das ist auch gut, schließlich stellt die Geburt ohne medizinische Hilfe für Mutter und Kind ein großes Risiko dar. Zudem besteht die Möglichkeit, die Mutter in ihrer schwierigen Situation psychisch zu unterstützen und ihr eventuell auch Alternativen zur Abgabe des Kindes aufzuzeigen. Etwa die Hälfte der Mütter meldet sich nach der Abgabe ihres Kindes doch wieder und gibt die Anonymität auf, einige nehmen ihr Kind auch zu sich.

Das klingt also erst mal ganz gut. Seit Jahren fordern deshalb Initiativen, die anonyme Geburt in Deutschland zu legalisieren – etwa wie in Frankreich oder Österreich. Die entscheidende Frage ist allerdings: Werden dadurch wirklich Kinder gerettet? Oder sind die Frauen, die ihr Kind ansonsten töten oder aussetzen würden, so überfordert, dass sie auch dieses Hilfsangebot nicht annehmen könnten? Weil sie die Schwangerschaft so stark verdrängen und sich deshalb gar nicht informieren oder weil sie niemandem vertrauen? Oder nehmen andere Frauen, die ihr Kind sonst behalten würden, das Angebot in Anspruch, um einem geregelten Adoptionsverfahren auszuweichen, wie Kritikerinnen vermuten?

Die Zahl der getöteten Neugeborenen ist nach Einführung der Babyklappen und der anonymen Geburt nicht zurückgegangen, die Zahl der so abgegebenen Kinder aber gestiegen. Der Verdacht liegt also nahe, dass durch das Angebot eine Nachfrage geschaffen wurde, die es vorher nicht gab. Das wäre für mich erstmal noch kein Gegenargument. Ich bin der Meinung, dass Frauen in Notsituationen diese Entscheidungsmöglichkeit haben sollten. Selbst wenn sie ihr Kind sonst nicht töten oder aussetzen würden, ist damit nicht gesagt, dass sie sich gut darum kümmern könnten. Ein Kind wegzugeben, ist eine schwere Entscheidung, die Respekt verdient. Es gibt immer wieder Meldungen über vernachlässigte oder misshandelte Kinder, weil sich ihre Eltern die Überforderung nicht eingestanden und keine Hilfe abgenommen haben.

Schwerwiegender ist dagegen, dass die Kinder später nichts über ihre Abstammung erfahren können. Das kann ihre Identitätsbildung stark beeinträchtigen. Die Argumente sind in dieser Stellungnahme (http://www.aerztinnenbund.de/Anonyme-Geburt-und-Babyklappen-F-r-die.358.0.2.html?sid=044m64a4qq2d4dfmmnh8jm23h2) gut zusammengefasst.

Erste Zahlen kamen aus Österreich: Seit die Möglichkeit zur anonymen Geburt eingeführt wurde (2001), hat sich die Zahl der Tötung von Neugeborenen halbiert. Das wirkt auf mich überzeugend. Allerdings ist dieser Zusammenhang in Deutschland nicht erkennbar, s.o.

Da das Thema schon lange diskutiert wird und ein Gesetz geplant ist, hat das Deutsche Jugendinstitut (DJI) 2011 eine Studie zum Thema herausgegeben.

Die Studie hat ergeben, dass die Fälle anonymer Kindsabgaben (Babyklappe oder anonyme Geburt) von den beteiligten Stellen sehr unterschiedlich gehandhabt werden und es teilweise an Professionalität fehlt. Hier besteht deshalb Regelungsbedarf.

Obwohl anscheinend nicht diejenigen Frauen erreicht werden, die ihr Kind sonst getötet hätten, haben die Nutzerinnen des Angebots offensichtlich einen Unterstützungsbedarf, der durch andere Angebote nicht gedeckt wird. Da die Anonymität für die Frauen entscheidend ist, muss auf die Möglichkeiten der anonymen Beratung bei Schwangerenberatungsstellen und Jugendämtern verstärkt hingewiesen werden. Das von einem Träger angebotene 24-Stunden-Notruftelefon stellte sich als erfolgreich heraus. Die Studie schlägt deshalb die Einrichtung einer solchen kostenfreien bundesweiten Hotline vor. Wichtig ist auch, dass es einen guten Internetauftritt mit Informationen in vielen Sprachen und Beratungsmöglichkeiten per Chat gibt.

Warum töten Frauen ihr Kind nach der Geburt oder bringen es anonym zur Welt und geben es anschließend weg? Die Betroffenen bemerken ihre Schwangerschaft meist erst sehr spät und verdrängen sie auch dann noch ganz oder teilweise. Sie befinden sich in einer subjektiv ausweglosen Situation. Das hat verschiedene Gründe. Eine komplizierte Beziehung, ein Partner, der eine mögliche Schwangerschaft stark ablehnt. Das Wissen, dass der Partner gar nicht der Vater ist.

Sozialer Druck von Seiten der Herkunftsfamilie. Religiöse Vorstellungen. Illegaler Aufenthalt in Deutschland. All das kann dazu führen, dass die Schwangere in einer Art Schockstarre verfällt, sich sozial isoliert und mit niemandem über ihre Überforderung sprechen kann. Angst und Unsicherheit wegen der medizinisch nicht betreuten Schwangerschaft und der große Aufwand, die Schwangerschaft im Alltag geheim zu halten, kommen hinzu. Das Alter der Frauen, die soziale Schicht oder der Bildungsgrad spielen dagegen keine Rolle.

Nach der Veröffentlichung der Studie wurde vom Familienministerium ein Referentenentwurf für ein Gesetz erstellt, dem wiederum das Deutsche Jugendinstitut eine Stellungnahme folgen ließ. Die Maßnahmen, die ich für sinnvoll halte, stützen sich im Wesentlichen auf die Studie und die Stellungnahme des DJI.

Vorgeschlagene Maßnahmen:

  • Bessere Bekanntmachung von anonymen Beratungsmöglichkeiten, ergebnisoffene professionelle Beratung, Vereinheitlichung der Vorgehensweise, z.B. durch Fortbildung der Mitarbeiterinnen
  • Webseite mit Chat-Beratung und bundesweiter kostenloser 24-Stunden-Hotline in mehreren Sprachen
  • Legalisierung der anonymen Geburt und anonymen Kindsabgabe und Vereinheitlichung der Vorgehensweise
  • Möglichkeit für die Mutter, ihre persönlichen Daten zu hinterlegen, damit das Kind sie später finden kann
  • Bessere Vernetzung der Hilfsangebote, damit Betroffene in ihren komplexen Problemlagen schnell weiter vermittelt werden können
  • Rechtliche Regelung der Adoption bezüglich der Väter: Auch der Vater muss einer Adoption zustimmen. Wenn die Mutter verheiratet ist, gilt ihr Ehemann rechtlich als der Kindsvater. Der Gesetzesentwurf trifft hierzu keine Regelung.

Das Bestreben des Gesetzesentwurfes, nur noch die anonyme Geburt und keine Babyklappen und anonyme Kindsabgabe mehr zuzulassen, sehe ich wie das DJI kritisch.

Ausgehend von den oben beschriebenen Maßnahmen werde ich für den nächsten BPT einen Antrag ausarbeiten.

Weitere Links zum Thema:

Anonyme Geburt und Babyklappen – Für die Betroffenen ein Segen oder ein Fluch? (Ärtzinnenbund)
Eintausend Säuglinge gerettet (TAZ)

Symbolbild Andy ForsterCC-BY

Hinweis: Dieser Kommentar wurde von Miriam Lakemann geschrieben und stellt nicht notwendigerweise die Meinung des ganzen Landesverbandes dar. Alle Mitglieder können Kommentare über das entsprechende Formular bei der SG Digitale Medien einreichen.

3 Kommentare zu “Die Möglichkeit zur anonymen Geburt

  1. Konnte durch Forschungen ein Zusammenhang zwischen der Zahl anonymen Geburten und der Zahl der abgetriebenen Kinder hergestellt werden? Gebären also mehr Frauen ihr Kind, wenn sie sich sicher sein können, dass sie ihr Kind auch anonym abgeben können anstatt es im Mutterleib zu töten?

  2. Das ist wie bei der Organspende: Wenn die Probleme die zu Organversagen führen bekämpft werden würden, wieviele Organtransplantationen wären dann noch nötig?
    Aber das Gegenteil wird gemacht: Die Organtransplantationen werden aufgestockt. Das Gesundheitssystem passt sich der Freiheit der Bürger an Scheiße bauen zu dürfen.
    Damit lässt sich viel Geld machen.
    Die Leidtragenden sind die Menschen die völlig unverschuldet in die Situation kommen Hilfe zu benötigen.
    Bei denen fehlen dann die Mittel. Und die Mittel sind heutzutage immer zu knapp. Überall.

    Konkrete sinnvolle Hilfe hier:
    Die Gleichung Alleine+Kind=Armut ändern!
    Vergewaltigungen, sexueller Missbrauch, Inzest in der Gesellschaft zum Thema machen!
    Junge Frauen und Männer besser aufklären. Das entwickelt sich in den letzten Jahrzehnten rückwärts???

    In unserer Bürokratie sind Föten und unregistrierte Babys einfach nichts Wert. Die haben ja noch nicht mal eine Sozialversicherungsnummer. Und wer unregistriert ist ist nicht vorhanden und hat deshalb auch keine Menschenrechte…

  3. Die weiße Taube

    Das Argument für anonyme Geburten ist bitte nicht die vermiedene Kindstötung, sondern das Selbstbestimmungsrecht der Frau. Zudem gibt es nach europäischem Recht kein „Grundrecht auf Auskunft über die leiblichen Eltern“. Anonyme Geburten in einem Krankenhaus sind darum das Optimum und alle anderen Lösungen (Babyklappen, anoyme Kindsabgabe) nur Notlösungen. Denn Frauen haben ein Recht auf medizinische Versorgung während der Geburt und das selbst dann, wenn sie nicht die Mutter des Kindes werden will.

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