Deutschland

Der Preis läuft heiß – Anforderungen an das Strommarktdesign der Zukunft

Dieser Text ist ein Gastbeitrag unseres Beisitzer Arko Kröger.

Die Erdgaspreise explodieren. Aufgrund von internationalen Sanktionen, Knappheiten und der damit verbundenen Panik. Dies und andere Herausforderungen haben auch immense Auswirkungen auf den Strommarkt. Wie kommt es dazu? Wie kann man politisch darauf reagieren? Die jüngsten Preisexplosionen sind eine direkte Folge der hybriden Kriegsführung – der von Russland ausgehenden Verknappung von Erdgas.

Deutschland und Europa spüren diese Folgen sehr unmittelbar, da sie in den vergangenen Jahrzehnten sehr auf Gasimporte aus Russland gesetzt haben. Und Gas findet vielfältige Anwendungen: Als Energieträger zur Wärmeversorgung und Stromproduktion, gleichwohl als Grundstoff der chemischen Industrie. Allerdings sollte nicht übersehen werden, dass bereits vor den Sanktionen gegen Russland die Preise bei Gas und anderen Energieträgern stiegen. Insbesondere nach den Einschränkungen wegen der Coronavirus-Pandemie (Lockdown, Herunterfahren der Industrieproduktion) setzte ab Mitte 2020 und in 2021 eine Wiederaufnahme der Produktion ein, mit damit verbundenem Anstieg der weltweiten Nachfrage, und daher einer Preissteigerung.

Für Deutschland ist die Versorgung mit Erdgas insbesondere relevant, da die Verwendung von Gas als Brückentechnologie die Energiewende hin zu Erneuerbaren Energieträgern (EE) begleitete. Da EE (insbesondere Wind- und Solarenergie) im Tagesverlauf in ihrer Leistung schwanken, und Speicher- bzw. Batterietechnologien bislang fehlen, um Leistungsspitzen abzugreifen und bei Verbrauchs- bzw. Lastspitzen zur Verfügung zu stellen, erschien der Einsatz von Gaskraftwerken gerade bei der Stromproduktion perfekt: Gaskraftwerke lassen sich flexibel an- und abschalten, und können daher bei Lastspitzen flexibel zugeschaltet werden. Im Gegensatz zu Kohle- oder Atomkraftwerken, die längere Anlauf- und Abschaltzeiten benötigen. Zudem verbrennt Erdgas vollständiger zu Kohlendioxid und Wasser, während Kohleverbrennung mehr (stark klima- und/oder gesundheitsschädliche) Nebenprodukte erzeugt und Atomkraftwerke Atommüll hinterlassen.

Politische Interventionsmöglichkeiten: Kurz- und langfristiges Strommarktdesign

Unsere Politik muss also auf die hohen Gaspreise reagieren, denn wir können nicht kurzfristig die Erdgasverwendung einstellen, gleichzeitig aber auch keine sozialen Spannungen ausgehend von stark steigenden Heiz- und Stromkosten akzeptieren.

Die nachfolgenden Überlegungen beziehen sich nun darauf, wie die Politik insbesondere am Strommarkt auf gestiegene Kosten aus der Gasverstromung kurz- und langfristig reagieren kann.

Zuletzt hat die deutsche Bundesregierung ein 200 Mrd. € Entlastungspaket für Verbraucher angekündigt. Wie dieses Geld eingesetzt werden soll, wird zunächst in Expertengremien evaluiert werden. Vorschläge in der Debatte beinhalten Möglichkeiten der allgemeinen Entlastung bei Verbrauchspreisen (also verbrauchsunabhängig); einer teilweisen Preisreduktion bei “Grundkontingenten” (also eine Grundversorgung gemessen zum Beispiel an Haushaltsgrößen oder Vorjahresverbräuchen); oder gar Preisobergrenzen, die bei Energieträger-Importen den maximalen Kaufpreis festlegen, wie aktuell auf EU-Ebene gegenüber Importen aus Russland diskutiert wird. Alle diese Modelle haben Vor- und Nachteile, zielen aber grundsätzlich darauf ab, Endverbraucher (insbesondere private Haushalte) finanziell zu entlasten.

Wie aber wirken sich unterschiedliche Preise bei Rohstoffen zur Energieerzeugung auf den eigentlichen Strompreis aus? Hierzu müssen wir den aktuellen Preisentstehungsmechanismus betrachten.

Die “Merit-Order” oder “Gesetz von Angebot und Nachfrage” am Strommarkt

Der Strommarkt muss zu jeder Zeit die Nachfrage nach Strom mit dem verfügbaren Angebot ausgleichen. Denn effiziente Stromspeicher sind nach wie vor nicht in ausreichender Kapazität vorhanden, um Leistungsspitzen gegenüber Lastspitzen auszubalancieren. Eine ungedeckte Nachfrage (Last) aber würde zu Stromausfällen führen, bzw. würden elektrische Geräte und Maschinen schlicht nicht laufen können.

Daher findet am “Spot-Markt” kontinuierlich ein Handel statt, und bei ungedeckter Last werden zusätzliche Kapazitäten zur Stromerzeugung ans Netz “beordert”, da nun zusätzliche Leistung verkauft werden kann. Der Begriff der “Merit-Order” beschreibt also die Reihenfolge, in der unterschiedliche Kraftwerkstypen zugeschaltet werden.

Logischerweise werden in Zeiten ausreichender Leistung und niedriger Last die günstigsten Produzenten im Besonderen ihre Leistung verkaufen können, denn die niedrige Last senkt den Wettbewerbsdruck und damit den Preis, bei dem Strom noch eingekauft wird. Die günstigsten Produzenten sind aktuell die Strom-Produzenten aus Erneuerbaren Energieträgern, da die Preise von Strom aus Windenergie- und Photovoltaikanlagen bereits seit längerem sehr niedrig sind.

Steigt die Last an, können Gaskraftwerke zugeschaltet werden. Allerdings haben diese einen höheren Produktionspreis, und werden daher ihren produzierten Strom zu höheren Preisen anbieten müssen, um keinen Verlust zu machen. Gleichzeitig aber werden günstigere Produzenten den Preisanstieg, der aus der hohen Nachfrage bei limitierter Produktion herrührt, ausnutzen, um ebenfalls hochpreisig zu verkaufen – und damit ihre Marge zu erhöhen. Diesen Effekt gibt es natürlich nicht nur beim Strommarkt, sondern bei jedem Produkt. Sei es der Apfel im Supermarkt, das Auto, oder der Strommarkt – alle wollen den höchsten möglichen Gewinn erzielen, und bieten daher ihr Produkt nach Möglichkeit nur ein wenig unterhalb des Preises der Konkurrenz an, um dennoch bevorzugt zum Verkauf zu kommen. Das ist das Gesetz von Angebot und Nachfrage, und daher kommt der Ausdruck, dass am Strommarkt “das teuerste noch benötigte Kraftwerk den Preis setzt”.

Im Zuge der Energiewende wurde dieses Prinzip für Erneuerbare teilweise außer Kraft gesetzt. Denn am Anfang der Energiewende vor etwas über 20 Jahren war die EE-Industrie noch nicht existent und Technologien im Bereich Photovoltaik und Windkraft noch unterentwickelt und teuer. Um dennoch die Energiewende anzustoßen, wurde im Rahmen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) eine Umlage festgelegt, sodass EE-Produzenten günstiger am Spot-Markt wurden, die Preisdifferenz zwischen Produktion und Verkauf aber durch die Umlage ausgeglichen werden konnte. Gleichzeitig wurden über diesen Mechanismus Produzenten entschädigt, deren Kraftwerke nicht einfach zu- und abgeschaltet werden können (insb. Kohle, Atomkraft), die aber am Laufen gehalten werden mussten, um eine 24-Stunden-Versorgung mit ausreichend Leistung sicherzustellen (die sogenannte “Grundlast”). Ein Freifahrtschein für Erneuerbare also, jederzeit produzierte Leistung verkaufen zu können (Einspeisevorrang und -vergütung), denn insbesondere Erneuerbare schwanken in der Produktion, zum Beispiel in Abhängigkeit des Wetters. Ein Freifahrtschein aber, der sich ausgezahlt hat – denn eine Industrie und Technologie entstand, die heute den niedrigsten Produktionspreis innerhalb unseres Erzeugungsmixes hat. Mittlerweile hat sich die Umlage wegen der Erneuerbaren sogar umgedreht: EE-Produzenten erzielen so gute Margen, dass sie auf das Umlagekonto einzahlen, statt aus diesem für unzureichende Verkaufspreise entschädigt werden zu müssen. Die Bundesregierung plant aktuell, diese Überschüsse zur Dämpfung der Netzentgelte zu verwenden. [1]

Strommarktdesign der Zukunft – ist Merit-Order zeitgemäß?

Die EEG-Umlage in ihrer Gestaltung hat also dafür gesorgt, dass die Erneuerbaren einen Anschub bekommen haben, um die Energiewende einzuleiten, während das Spot-Markt-Design aus Basis der Merit-Order erhalten wurde. Wie wird sich das in Zukunft verhalten?

Die nun günstigen Produktionspreise von Strom aus erneuerbaren Energieträgern macht einen Ausbau der erneuerbaren Produktionskapazitäten mehr als attraktiv. Um Lastspitzen auszugleichen, werden aber Speicherkapazitäten erhöht werden müssen. Das Prinzip ist dann so einfach wie logisch: Bei hoher Sonneneinstrahlung oder günstigem Wind kaufen die Speicherbetreiber Strom bei niedrigem Preis ein, bei hoher Last und niedriger Stromproduktion verkaufen sie den Strom. Und stoppen somit Preissteigerungen, wenn zeitweise wenig produzierte EE-Leistung auf eine hohe Nachfrage trifft und dadurch Preiswettbewerb erzeugen würde.

Nun stellt sich aber die Frage: Sollten EE-Produzenten ihre Überproduktion in Zeiten hoher Leistung und niedriger Last, daher niedrigen Preisen, an Speicherbetreiber verkaufen, oder lieber ihre Anlagen vom Netz nehmen? Einerseits, wenn man die Überproduktion doch noch zu irgendeinem Preis an Speicherbetreiber verkaufen kann, macht man einen gewissen Gewinn. Denn die Windkraft- oder Photovoltaikanlagen laufen ja ohnehin. Andererseits, wenn zu einem späteren Zeitpunkt die Last ansteigt, die Leistung der Anlagen aber womöglich nicht mehr in der Spitze liegt, treibt der Wettbewerb um die gerade verfügbare Leistung den Preis überproportional nach oben. So ist der Ausbau von Speichern gesellschaftlich zentral, um die Versorgung zu sichern, aus der Perspektive der Gewinnspanne für EE-Produzenten aber vielleicht gar nicht attraktiv.

Eine EEG-Umlage für die Zukunft

Um diese unterschiedlichen Interessen in Einklang zu bringen, wären Instrumente wie die EEG-Umlage genau angebracht. Während viele Menschen die EEG-Umlage aus der Erfahrung der letzten zwei Jahrzehnte eher mit einer Preissteigerung verbinden, kann sie – wie oben gezeigt – in der Zukunft vielmehr für niedrigere Preise sorgen!

Da der Strommarkt der Zukunft darauf ausgelegt sein wird, das Stromangebot mit Hilfe von Speichern gleichmäßig zu verteilen, müssen die Speicher den Markt intensiv nutzen und zu Zeiten niedriger Preise ankaufen, damit sie bei steigender Last, und damit steigendem Wettbewerb, zu höheren Preisen wieder verkaufen können – denn nur so können sie einen Gewinn machen, und nur so lohnt sich die Investition, einen Speicher überhaupt zu bauen und zu betreiben.

Damit es sich aber gleichzeitig lohnt, den Strom zu Zeiten hoher Produktion auch zum Verkauf an Betreiber bereitzustellen, muss es sich für die EE-Produzenten auch lohnen, zu niedrigeren Preisen zu liefern.

Genau dafür sorgt eben ein Festpreis, der durch eine EEG-Umlage stabilisiert wird. Er vermeidet Übergewinne, da er einen exzessiven Preiswettbewerb über Angebotsverknappung zu Zeiten hoher Last unterbindet. Im Grunde genommen war die EEG-Umlage also damals ihrer Zeit voraus – weil sich Speicher erst ab sehr hohen EE-Anteilen lohnen und diese in Zukunft ein essenzieller Bestandteil eines stabilen, EE-basierten Strommarktes sein werden.

Schlussfolgerungen

Kurzfristig werden wir die gestiegenen Preise am Strommarkt nur akzeptieren können, beziehungsweise politisch durch Entlastungspakete dafür sorgen, dass die Kosten der Preisexplosion umverteilt werden. Das ist ärgerlich, aber ein Resultat daraus, dass wir insbesondere unsere fossilen Energieträgern vollständig importieren müssen.

Es zeigt sich: Die Zukunft unseres Landes liegt in den Erneuerbaren – denn diese liefern Strom vor Ort in Deutschland und können dezentral organisiert werden, sodass die Stromproduktion im Land in der Fläche stattfinden kann. Also größtenteils unmittelbar am Ort des Verbrauchs.

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) hat seinerzeit die Energiewende eingeleitet und mit einer Umlage dafür gesorgt, dass sich die erstmalige Investition in die damals noch unzureichend entwickelten EE-Technologien gelohnt hat. Und das zahlt sich heute für uns aus. Jetzt ist es Zeit, die gleiche Anstrengung für den Aufbau von Speichertechnologien zu unternehmen, sodass wir, das heißt Deutschland wie Europa, in Zukunft in unserer Energieversorgung unabhängig werden von geopolitischen Konflikten unserer Energielieferanten.

 

[1]: https://www.wiwo.de/unternehmen/strompreise-bund-daempft-anstieg-der-strompreise-aber-die-union-will-mehr/28727054.html

Ich bin Pirat seit 2019 und aktuell studiere ich. Neben meinem Engagement in der Redaktion der Flaschenpost bin ich auch jeweils stellvertretender Vorsitzender des Kreisverbands Nürnberger land & Roth sowie des Bezirksverbands Mittelfranken. Zur Bundestagswahl 2021 war ich Direktkandidat im Wahlkreis 246 Roth und Listenplatz 11 der Landesliste Bayern.

2 Kommentare zu “Der Preis läuft heiß – Anforderungen an das Strommarktdesign der Zukunft

  1. Jupiter

    Sehr guter Artikel, leider mit der Partei der unsichtbaren Hand schwer umsetzbar.

  2. Claudia Schwarz

    Die tiefgründigen aber leicht verständlichen Erklärungen über dieses komplexe Thema haben mich überzeugt, dass man der Schlussfolgerung des Autors folgen sollte und die EEG-Umlage nun dazu nutzen sollte, eine unabhängige und nachhaltige Energieversorgung durch Förderung der Speichertechnologien, aufzubauen.

    Danke sehr! Und ich hoffe, es gibt noch mehr Artikel der Art.

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