Geiz ist geil…

Foto: PortlandNight, Cacophony, CC-BY-SA 2.5

... bis er die Freiheit kostet

Wer mag sie nicht, die kleinen „Heinzelmännchen“?

Diese unsichtbaren Helfer, die den Menschen alle lästige Arbeit abnehmen, aber nie zu sehen sind?

Die kleinen „unsichtbaren“ Helfer finden wir heute überall in unseren Fahrzeugen wieder, egal ob als Spurhalteassistent, Einparkhilfe oder Rückfahrkamera – Assistenzsysteme erobern mehr und mehr unsere „Herzen“ und versprechen ein komfortableres Autofahren.

Doch diese kleinen Helfer, die wir so schätzen, hinterlassen im Gegensatz zu den Heinzelmännchen vor allem eines: eine ausgeprägte Datensammlung.
Und da wir bereits heute über jede Menge Assistenzsysteme verfügen, die fast alles aufzeichnen was im Fahrzeug passiert, wird das Interesse an diesen Daten sprunghaft ansteigen.

Eine Bemerkung vorab: Es geht nicht darum, alles, was durch Technik möglich wird, zu verteufeln oder gar pauschal abzulehnen.

Was im ersten Moment so gut und einfach klingt, wirft bei genauerem Hinsehen einige Fragen auf. Fragen, die unter anderem auch den Bereich des Datenschutzes und der informationellen Selbstbestimmung betreffen.

Technik, die fahren und auch sparen hilft

Bereits heute stehen wir beim Autokauf vor der Frage, wie viele Assistenzsysteme wir uns für unser Geld leisten können. Denn wer einmal diese kleinen dienstbaren Geister wie Einparkhilfe, Spurhalteassistent, Tempomat oder kamerabasierte Hilfen sein Eigen nannte, der wird kaum mehr auf sie verzichten wollen – sorgen diese doch bereits jetzt dafür, dass beispielsweise die Zahl von Parkschäden oder Parkremplern beständig abnehmen.

Bei der HUK-Coburg sind beispielsweise 1/3 aller gemeldeten Schäden Parkschäden. Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn selbst dieser Versicherer zu folgendem Fazit kommt: „Wir erwarten, dass die Schadenhäufigkeit durch die Nutzung von Fahrassistenzsystemen langfristig sinken wird“, so Vorstand Klaus-Jürgen Heitmann. „Die Prämien sollten dann wohl ebenfalls günstiger werden.“

Auf der einen Seite führt diese Entwicklung für alle Autofahrer zu günstigeren Prämien, selbst für die, die solche Systeme nicht nutzen. Andererseits profitieren diejenigen doppelt, deren Fahrzeug serienmäßig über diese Assistenten verfügt.

So helfen Assistenzsysteme nicht nur beim Fahren, sondern entlasten auch über den Umweg „Schadenhäufigkeit bei der Versicherung“ den Geldbeutel der Autofahrer.

Da war doch was mit den Daten …

So attraktiv vielen diese Vorteile erscheinen, hat die Rundum-Sorglos-Assistenz im eigenen Wagen ihre Schattenseite. Assistenzsysteme erzeugen permanent Daten. Diese bleiben nicht nur im „Bordcomputer“ des eigenen Fahrzeuges, sondern können ständig an die Hersteller übermittelt werden. Der Hersteller liest im Normalfall bei Wartungen oder Reparaturen unsere Daten aus und weiß somit alles, was bis zu diesem Zeitpunkt über uns gespeichert wurde.

Bereits heute wissen wir als Autofahrer nicht,
welche Informationen über unser Fahrverhalten oder unseren Fahrstil konkret gesammelt werden und was mit ihnen geschieht. Wenn sie ausgewertet werden, wissen wir nicht, zu welchem Zweck dies geschieht.
wie lange diese Informationen gespeichert werden
ob sie nicht doch durch die Hersteller an die Polizei weitergereicht werden.

Der Autofahrer wird hier (bewusst?) im Ungewissen gelassen. Auch beim Autokauf, gerade selbst erlebt, werden dem Autofahrer in der Regel überhaupt keine Informationen über die Daten gegeben, die vom Fahrzeug an den Hersteller übermittelt werden – und was damit geschieht.

Das mag uns im Moment egal sein, weil wir den Herstellern potenziell vertrauen (und der Kaufpreis sehr günstig ist). Und weil es ja derzeit nur bei Wartungen passiert und wir unsere Online-Zeit im Auto unterschätzen. Oder die Vertragswerkstatt aufsuchen. Oder …

Doch bald wird sich auch dies ändern. Durch die verpflichtende Einführung von „eCall“ werden alle Fahrzeuge ab 2018 während der gesamten Fahrzeit online sein können. Dann wird der ständige Strom an Daten und Informationen Wirklichkeit werden, der unser Fahrverhalten und unsere Fehler eins zu eins ins Ungewisse überträgt. Denn gerade die im Fahrzeug gesammelten Daten sind auch für die Hersteller, die Versicherungen, aber auch anderweitig „Interessierte“ von großem Nutzen.

Wo ist und bleibt die gesetzliche Regelung, die auch den Schutz unserer Daten berücksichtigt?

Sparen dank „BlackBox“ ?

Dass aktuell lediglich die Hersteller vollen Zugriff auf die Daten in den Fahrzeugen haben und damit auch die Hoheit über die Auswertung, mag trotz der offenen Fragen zumindest im Moment noch beruhigen. Doch gibt es bereits jetzt Bestrebungen der Versicherungen, dies nachhaltig zu ändern.
In einigen Teilen Europas sind Autoversicherungen, die „defensives“ Fahrverhalten – nach hauseigener Bewertung – belohnen, längst üblich. Dazu wird im Fahrzeug eine „Blackbox“ installiert, die das komplette Fahrverhalten aufzeichnet und permanent an die Versicherer sendet.

Das Versprechen der Versicherer hierzu lautet: Wer „defensiv“ fährt und sich dazu die Blackbox installieren lässt, profitiert von nochmals günstigeren Versicherungsprämien. Geiz ist eben geil, Sparen natürlich auch.

Klingt gut, aber ist es das auch?

Auf den ersten Blick schon. Jeder Autofahrer wird schließlich von sich behaupten, dass er aufmerksam und rücksichtsvoll fährt. Dass er die Verkehrsregeln beachtet, nie zu schnell fährt und auch sonst alles richtig macht. Er wird also keinen Grund sehen, die Blackbox nicht zu installieren und Geld zu sparen. Es mag durchaus sein, dass defensive und vorsichtige Fahrer von dieser Möglichkeit profitieren.

Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie bitte …. ja, was denn?

Allerdings sollte man sich auch über die „Nebenwirkungen“ im Klaren sein.
Da wir in den Fahrzeugen via Navigationssystem, „eCall“ oder später der Blackbox zu jedem Zeitpunkt ortbar sind, lassen sich aus diesen gewonnenen Daten ganz einfach Bewegungsprofile erstellen. Diese Bewegungsprofile lassen darauf schließen, welche Verkehrswege man bevorzugt, wie schnell man dorthin gekommen ist, wie lange man sich dort aufhielt und vieles mehr. Der Autofahrer wird also nicht nur „gläsern“, sondern auch dauerüberwacht.

Und selbst die Nutzung der Blackbox wird „defensive“ Autofahrer nicht davor bewahren, dass der Versicherer mal eben den Tarif kündigt, weil die „defensive“ Fahrweise durch den Nutzer nicht eingehalten wurde, wie ihm die Blackbox brühwarm mitteilte.

Transparenz, Datenschutz und informationelle Selbstbestimmung – Fehlanzeige

Die gleichen Fragen, die beim Umgang der Hersteller mit den gesammelten Daten auftreten, muss man auch den Versicherungen stellen:

Welche Daten werden übermittelt?
Welche Daten fließen in die Berechnung ein?
Wie werden unsere Daten verwendet?
Wer bekommt diese Informationen noch, und was geschieht damit?

Im Moment können wir keine dieser Fragen beantworten.

Das gilt auch für die Frage, ob die Polizei Zugriff auf unsere Daten erhält. Oder ob die Daten sicher übertragen und aufbewahrt werden.
Hier müssen auch die Versicherer durch strikte Vorgaben verbindlich in die Pflicht genommen werden, auch und gerade zum Schutz des Verbrauchers.

Ich weiß, wie DU morgen fahren wirst …

Nicht weil ich ständig hinter DIR herfahre. Die von den Versicherungen gesammelten Daten der Blackbox lassen sich nämlich auch ganz hervorragend dazu verwenden, Fahrprofile zu erstellen. Damit spioniert man nicht nur die Fahrweise aus, sondern trifft auch aufgrund der bisherigen Erkenntnisse Voraussagen, wohin wir in Zukunft wahrscheinlich fahren werden und wie wir uns dabei verhalten.

Soll hier bereits die Polizei eingeschaltet werden, die dem Halter des Fahrzeuges dann vorsorglich die Zulassung entzieht oder ihn zu einem „Idiotentest“ schickt?
Zur Vermeidung von möglichen Unfällen, zum Schutz der anderen Verkehrsteilnehmer? Damit würde ein weiteres hohes Gut des Grundgesetzes wieder ein Stück weiter verloren gehen.

Die Unschuldsvermutung.

Wer sich bereits über die ungezügelte Datensammelwut des Staates und der Polizei aufregt (völlig zu Recht übrigens), sollte sich fragen, ob für Hersteller und Versicherer nicht die gleichen Maßstäbe gelten müssen.

Fazit:

Die bisherigen Regelungen reichen in keinem Falle aus, um unsere Hoheit über unsere persönlichen Daten zu gewährleisten. Das Sammeln und Auswerten von dem Fahrer zuzuordnenden Fahrzeug- und Fahrverhaltensdaten führt zu einer permanenten Überwachung.

Was wir bei Telefon- und E-Mail-Verkehr so vehement ablehnen, schleicht sich durch die Hintertür, genannt Beitragsersparnis, in unser Leben ein.

Wie eine Vorratsdatenspeicherung der Fahrzeug-, Verkehrs- und Fahrverhaltensdaten.

Nehmen wir jetzt noch die geplante elektronische Erfassung der Maut hinzu, ergibt sich ein erschreckendes Gesamtbild.

Ein allumfassender Überwachungsstaat der von privaten, wirtschaftlich orientierten Unternehmen dadurch unterstützt wird, dass sie uns ihre Überwachungsgeräte andrehen und damit unsere Privatsphäre zerstören.

Das bedeutet für den bekannt freiheitsliebenden deutschen Autofahrer vor allem:

Das Ende der Freiheit – auch auf der Straße
Geiz ist geil – bis er die Freiheit kostet

Headerbild: CC-BY-SA 2.5. PortlandNight – Cacophony,

Hinweis: Dieser Kommentar wurde von Uwe Henkel geschrieben und stellt nicht notwendigerweise die Meinung des ganzen Landesverbandes dar. Alle Mitglieder können Kommentare über das entsprechende Formular bei der SG Digitale Medien einreichen.


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