In den letzten Wochen nimmt die Diskussion um die Zukunft des Augsburger Stadttheaters an Lautstärke zu. Diese Auseinandersetzung steht allerdings beispielhaft für die Sinnkrise des Theaters und die Finanzkrise unserer Kommunen da. Eigentlich ist schon länger bekannt, dass sich die drittgrösste bayerische Stadt ein Theater in dieser Grössenordnung nicht leisten kann. Das wurde allerdings über Jahrzehnte hinweg verdrängt, mit der Folge, dass seit vielen Jahren nicht mehr wirklich in die Instandhaltung investiert wurde und das Gebäude nun eigentlich abgerissen werden müsste, weil es baufällig geworden ist. Der schöne Schein glamouröser Premieren wird hier also mit zunehmender Lebensgefahr bezahlt, vor allem für die Theatermitarbeiter, die sich in einem marode gewordenen Bauwerk aufhalten müssen.
Das Aufwachsignal für die Stadtgesellschaft kam von einem dafür (ohne Wettbewerb oder Ausschreibung) beauftragten Architekturbüro, das für den Umbau mit Nebenkosten ganze 235 Millionen Euro aufschrieb. Das entspricht etwa einem Viertel der jährlichen städtischen Einnahmen und damit einer Luftnummer. Ein Betrag dieser Grössenordnung ist von einer Kommune nicht aufzubringen, die es finanziell nicht einmal schafft, die Dächer städtischer Schulen konsequent regendicht zu halten oder Jugendzentren mit Mitteln jenseits von Licht und Heizung zu versorgen.
Konsequent wäre es, das zuzugeben und den Theaterbetrieb in etwas umzuwandeln, das ein Kosten-Nutzenverhältnis überhaupt in Sichtweite bringt. Nachdem allerdings Augsburg die einzige von der CSU regierte bayerische Grossstadt darstellt, ist ein solcher „Misserfolg“ keine Option. Wir dürfen daher eine weitere Scheinlösung erwarten, eine abgespeckte Umbauplanung wurde bereits angekündigt.
Allerdings muss ich, als Vertreter der Gegenwartskultur, an dieser Stelle direkte Fragen stellen. Wenn ich mich richtig erinnere, war ich zum letzten Mal in meiner Schulzeit im Stadttheater. Meine kulturelle Versorgung erhalte ich von Bildschirmen und gelegentlichen Besuchen von Orten mit hoher Lautstärke (alle diese Kulturformen florieren ohne Zuschüsse der öffentlichen Hand). Und damit sehe ich mich als Teil einer Mehrheit. Wir kennen andererseits die Besucherzahlen unserer Theaterbetriebe und wissen, dass es sich hier um eine traditionell hoch angesehene Nischenkultur handelt. Nur: Warum genau soll eine kleine Grosstadt 200 Millionen für die Renovierung plus weitere 20 Millionen an jährlichen Betriebskostenzuschüssen ausgeben? Wie genau ist das begründet, in einer Stadt, die einen Migrantenanteil von rund 50 % und in einigen Quartieren eine offizielle Arbeitslosigkeit von 10 % aufweist?
Natürlich muss man unterscheiden zwischen „Theater als Kulturform“ (Kultur wie in „Videogames“), „Theater als städtischer Versorgungsbetrieb“ (so wie „Müllabfuhr“) und „Theater als steingewordenes Symbol einer gesellschaftlichen Identität“ (wie in „Bürgertum des 19. Jahrhunderts“), und diese unterschiedlichen Funktion einzeln bewerten und auf ihren öffentlichen Nutzen prüfen.
Mal ganz deutlich: Liebe Nischenkultur-Angehörige, ich brauche euer Theater nicht. Und die meisten Leute in meiner Stadt ebenfalls nicht. Ich schliesse aber nicht aus, dass die Kulturform Theater (einschliesslich Orchestermusik) Zukunft haben könnte. Aber das müsst ihr begründen. Beweisen. Dafür kämpfen. Und nicht hinter den Kulissen und unter den dicken bayerischen Filzschichten. Weil die öffentliche Akzeptanz für diese Nische damit völlig verspielt wäre. Ich bin also gespannt, wie ihr das machen wollt.
Und um auf die Eingangsfragen zurückzukommen (die in der Überschrift): Ja, das Stadttheater Augsburg muss zumachen. Weil die Stadt pleite ist, und nicht einmal der heimlich geplante Verkauf der Stadtwerke für die Finanzierung ausreichen würde. Wir wissen aber nicht, wie die Dinge sich entwickeln. Zumindest für die mehrjährige Bauzeit (vielleicht auch für immer) wird sich das Theater als Kulturform und Versorgungseinrichtung vom Bauwerk lösen und spannende Experimente wagen müssen. Viel Glück dabei.
Was die Piraten dazu sagen: Es gibt, wie anderswo auch, noch keine Parteitagsbeschlüsse zum Thema. Deswegen ist das, was hier steht, auch meine Position, als Vertreter einer kulturellen Mehrheit und als Landesbeauftragter der Piratenpartei für Kultur und Urheberrecht.
Hintergrundinfos zB auf a3kultur
Symbolbild: Felix König – cc-by
Hinweis: Dieser Kommentar wurde von Fritz Effenberger geschrieben und stellt nicht notwendigerweise die Meinung des ganzen Landesverbandes dar. Alle Mitglieder können Kommentare über das entsprechende Formular bei der SG Digitale Medien einreichen.


2 Kommentare zu “Muss das Stadttheater Augsburg zumachen? Und was sagen die Piraten dazu?”