Contra: Reform wagen statt populistischem Reförmchen

Foto: Peter Gugerell, Public Domain

Seit dem 3. Juli 2014 können sich alle wahlberechtigten Bayern als Unterstützer des Volksbegehrens „Ja zur Wahlfreiheit zwischen G 9 und G 8 in Bayern“ eintragen, welches von den Freien Wählern initiiert wurde. Ziel des Volksbegehrens ist es, den bayerischen Gymnasien die Möglichkeit zu geben, zwischen der achtjährigen (G8, bis Klasse 12) und neunjährigen Gymnasialzeit (G9, bis Klasse 13) zu wählen oder beide Varianten anzubieten.

Die Gründe, welche von den Freien Wählern angeführt werden, sind vielfältig. Ich möchte an dieser Stelle auf diese Argumente eingehen und aufzeigen, warum ein optionales G9 die vorhandenen Probleme des bayerischen Schulsystems nicht lösen wird.

1. Argument „Mehr Zeit“

[…] Die Jugendlichen kommen zwar ein Jahr früher zum Abitur, haben aber wenig Zeit für andere Aktivitäten und für den Blick außerhalb des Schulgeländes. Immer häufiger hört man von Krankheiten der Jugendlichen, die nicht zuletzt auf den zu großen Druck zurückzuführen sind.
Wir Freie Wähler wollen diesen Tendenzen entgegenwirken, indem wir Druck aus dem „Kessel G8-Gymnasium“ nehmen und daneben die Alternative „Neues G9“ anbieten. Damit soll das Lernen „entschleunigt“ werden. Die Pflichtstundenzahl bis zum Abitur bleibt mit 265 Wochenstunden gleich.

In Bayern ist die Stundenzahl in der 11. und 12. Klasse tatsächlich höher als z. B. in Sachsen. In den Klassen 5 bis 10 ist sie dafür geringer oder gleich hoch wie in sächsischen Gymnasien. Die hohe Belastung der Schülerinnen und Schüler ist aber in erster Linie auf die überstürzte Einführung sowie die ungenügende Anpassung und Überarbeitung der Lehrpläne zurückzuführen. Und hier ist auch die Antwort zu suchen: Schulreform geht nur ganz oder gar nicht. „Entschleunigtes Lernen“ lässt sich besser und sinnvoller mit reformierten Lehrplänen sowie neuen Lehr- und Lernmethoden erreichen.

Die Landesschülerinnenvereinigung und der Landesschülerrat Bayerns fordern z.B. mehr individuelle Lernzeit und die Weiterentwicklung der Schule zu einem Lebensraum für Schüler.

2. Argument „Mehr Eigenständigkeit“

Seit langem gibt es schon die Forderung, den Gymnasien mehr Gestaltungsfreiheit zu geben. Stadt und Land, die besonderen Verhältnisse vor Ort etc. legen es nahe, nicht alle wesentlichen Entscheidungen zentral aus dem Kultusministerium zu steuern.
Wir Freie Wähler stehen zu den Prinzipien der Subsidiarität und Konnexität in der Politik. […] Die Schulfamilie vor Ort weiß doch am besten, was ihren Schülerinnen und Schülern gut tut. Deshalb wollen wir die Entscheidung über G8 oder G9 der Schule vor Ort überlassen. Das Schulforum – bestehend aus Lehrern, Eltern, Schülern und Kommunalvertretern – soll autonom über die für sie geeignetste Form entscheiden können.

Mehr Eigenständigkeit für Schulen ist durchaus zu begrüßen, allerdings sollte das nicht auf die Frage von G8 oder G9 beschränkt werden. Sollte es tatsächlich eine Mehrheit für dieses Volksbegehren geben, so muss das optionale G9 in den Rahmen einer größeren Schulreform eingepasst werden. Flexibilität und Eigenständigkeit sollte nicht auf Gymnasien beschränkt werden.

3. Argument „Mehr Demokratie“

Das G8 wurde 2003 überstürzt eingeführt und war im Wesentlichen die Entscheidung eines einzelnen Mannes – des damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. Diese „Arroganz der Macht“ hat nicht nur der Regierungspartei, sondern auch einer ganzen Schülergeneration geschadet.
[…]

„Mehr Demokratie“ könnte man als Argument für so ziemlich jede politische Frage bringen. Während des Landtagswahlkampfes im letzten Jahr wurde von den Freien Wählern auch behauptet, dass die Landtagswahl eine Abstimmung für G8 oder G9 wird. Sollte das wirklich so sein, hat G8 deutlich gewonnen. Richtig dürfte aber sein, dass die Landtagswahl aufgrund einer Vielfalt an Themen entschieden wurde.

Das einzige erfolgreiche Volksbegehren im Bildungsbereich war das Begehren gegen Studiengebühren im Jahr 2013. Sowohl das Volksbegehren „Die bessere Schulreform“ gegen die sechsjährige Realschule ist am Unterstützerquorum gescheitert. Ein Volksbegehren, das von einer Elterngruppe aus Unterfranken im Jahr 2010 für die Rückkehr zum G9 gestartet wurde, konnte ebenso wenig genug Unterstützer hinter sich bringen. Warum das so ist, lässt sich schwer sagen; aber möglicherweise reicht das Herumdoktern an Symptomen in der Bildungspolitik nicht aus.

Nicht zuletzt ist ein Volksbegehren kaum das geeignete Mittel dem politischen Gegner, hier die CSU, eins auszuwischen und arrogantes Verhalten eines einzelnen Mannes zu bestrafen.

4. Argument „Mehr Varianz“

Immer wieder wird beklagt, dass die Schullandschaft in Bayern zentralisiert, in ganz Deutschland aber durch die Länderhoheit in Bildungsfragen fragmentiert sei. Der Wechsel von einem Bundesland in das andere gestaltet sich äußerst schwierig.
Wir Freie Wähler möchten mit der Wahlfreiheit von G8 und G9 für mehr Varianz im bayerischen Schulsystem und für einen leichteren Wechsel von einem Bundesland in das andere sorgen.

Die meisten Bundesländern haben bis jetzt G8 eingeführt. In Hessen und Schleswig-Holstein wird es vorraussichtlich ein Nebeneinander von G8 und G9 geben. In Nordrhein-Westfalen konnten Schulen Ende 2010 beantragen im Rahmen eines Schulversuchs wieder das neunjährige Gymnasium einzuführen. Dies haben grade mal 13 von 630 Gymnasien getan. In Baden-Württemberg gibt es ähnliche Schulversuche. Einzig Niedersachsen hat beschlossen, ab 2015 wieder zum G9 zurückzukehren. Die Wahrscheinlichkeit, einem einzelnen Schüler durch ein optionales G9 den Wechsel von oder nach Bayern zu erleichtern, ist gering. Daher ist dies auch ein schwaches Argument für ein optionales G9.

5. Argument „Mehr Gerechtigkeit“

Die letzten Jahre haben gezeigt, dass die Schere bei den Übertrittsquoten zwischen Stadt und Land immer mehr auseinander geht. In einigen städtischen bzw. stadtnahen Bereichen kennen wir Übertrittsquoten von über 70 %, in einigen ländlichen Bereichen solche von um die 25 %. Wir Freie Wähler möchten insoweit mehr Gerechtigkeit herstellen. Gerade mit der Wahlmöglichkeit bestünde auch die Möglichkeit, die Hochschulreife zeitlich entzerrt in neun Jahren zu erreichen, was nach den Erfahrungen der letzten Jahre den Schülern im ländlichen Raum entgegenkommt.

Der Übertritt bezieht sich auf den Übergang von der 4. Klasse in die weiterführende Schule. Die Empfehlung für das Gymnasium bekommen bayernweit etwa die Hälfte der Schüler. Allerdings ist die tatsächliche Entscheidung für das Gymnasium abhängig von mehreren Faktoren, u. a. der Entfernung zum nächsten Gymnasium, der erwarteten Belastung der Schüler und auch von der Einstellung der Eltern zur Notwendigkeit des Abiturs als Abschluss. In städtischen Gebieten entscheiden sich in der Tat mehr Schülerinnen und Schüler für das Gymnasien als in manchen Landkreisen.

Eine optionales G9 würde hier möglicherweise einen Teil der Vorbehalte gegen den Übertritt aufweichen. Die Frage, welche weiterführende Schule ein Kind besuchen wird, ist jedoch wesentlich komplexer. Wichtiger wäre hier in jedem Fall ein durchlässiges Bildungssystem insgesamt.

Fazit

Eine Rückkehr zu einer längeren Gymnasialzeit ist ein durchaus legitimes Ziel. Allerdings ist ein optionales G9 weder Fisch noch Fleisch. Die Wahlfreiheit der Schülerinnen und Schüler wird eben nicht automatisch gegeben sein, da die Schulen vor Ort gar nicht beides anbieten müssen und dies vielleicht auch gar nicht können.

Die Versuche der bayerischen Landesregierung, noch vor den letzten Landtagswahlen das G8 ein wenig glattzubügeln, sind von der Opposition zu Recht als „Murks“bezeichnet worden. Eine „Lehrerreserve“ mehr oder weniger, willkürliche Streichung von Stoff aus dem Lehrplan und die Einführung des als „Flexijahr“ bezeichneten Wiederholungsjahres sind eben keine Alternative zu einer echten Bildungsreform, die gemeinsam mit allen Akteuren und Betroffenen durchgeführt wird.

Von den Argumenten der Freien Wähler für ein optionales G9 ist letztlich nur die Erklärung „Mehr Zeit“ tragfähig. Doch selbst hier gibt es bessere Lösungen, um dieses Ziel zu erreichen. Sinnvoll ist eine Schulreform mit einer flexiblen Schullaufbahn mit individueller Förderung, in der auch die Selektion der Schüler nach der 4. Klasse entfällt. Kurssysteme und individuelle Beratung werden den Bedürfnissen aller Schüler gerecht. Die Piratenpartei Bayern hat aus diesem Grund ein Konzept für eine flüssige Schullaufbahn im letzten Wahlkampf vorgelegt.

Das Volksbegehren der Freien Wähler macht auf mich den Eindruck, vor allem mit populistischen Mitteln auf Stimmenfang zu gehen. Denn ein Konzept, wie das „Neue G9“ konkret aussehen soll, haben die Freien Wähler nicht vorgelegt. Ich werde es daher nicht unterstützen.

Symbolbild: Sigmund Freund Gymnasium – by Peter Gugerell, Lizenz Public Domain

Hinweis: Dieser Kommentar wurde von Christina Grandrath geschrieben und stellt nicht notwendigerweise die Meinung des ganzen Landesverbandes dar. Alle Mitglieder können Kommentare über das entsprechende Formular bei der SG Digitale Medien einreichen.


Kommentare

Ein Kommentar zu Contra: Reform wagen statt populistischem Reförmchen

  1. Norbert Hirsch schrieb am

    Ich kann diesen Beitrag nur unterstützen! Wir dürfen nicht unsere Identität und unser erarbeitetes Programm verraten. Wir würden der Partei „Freie Wähler“ hier nur für etwas zuarbeiten was wir gar nicht wollen!

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