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Pro: G8/G9-Volksbegehren – eine echte Chance

Foto: Peter Gugerell, Public Domain

Seit Montag läuft in Bayern das Volksbegehren der Freien Wähler (http://www.volksbegehren-g9.de/volksbegehren.html), das Wahlfreiheit bezüglich des gymnasialen Schulsystems ermöglichen soll. Die Freien Wähler wollen den einzelnen Schulen freistellen, ob sie beim G8 bleiben, das G9 wieder einführen oder beide Möglichkeiten anbieten. Die ersten beiden Methoden, so der Text des Volksbegehrens, böten sich bei kleineren Schulen an, die letzte eher bei größeren. Nun kann man durchaus kritisieren, dass dieses Konzept denkbar unausgereift sei. In kleineren Städten und auf dem Land würden wohl die meisten Schulen schlicht beim G8 bleiben. Wahlfreiheit für Schüler brächte das Volksbegehren nur nach Angebot und damit nur in Großstädten. Generell sollte man die Zeit für eine solche Reform lieber darin investieren, das Schulsystem grundlegend zu überdenken.

Alles valide Punkte; aber ich halte dennoch das Volksbegehren für richtig, wichtig, und zustimmungswürdig. Zunächst einmal, weil es ein Signal setzt, dass Bayern sein auf die Schnelle durchgedrücktes G8 mit seinen zahllosen Baustellen und Schönheitsoperationen nicht mehr länger hinnehmen will. Es war ein Fehler, dieses System in dieser Form jemals einzuführen, und es war vor allem ein Fehler, etwas so Komplexes wie ein Schulsystem von einem Tag auf den anderen ändern zu wollen. Ich war damals selbst Schülerin, im drittletzten G9-Jahrgang und habe erlebt, wie jüngere Freundinnen die Umstellung auf das G8 nicht verkraftet haben. G8 bedeutete, dass Schüler mitten im Schuljahr einen neuen Stundenplan mit zahlreichen Nachmittagsstunden erhielten, was gerade im jüngeren Teenageralter die Freizeit und die Freiheit, seine Zeit selbst zu gestalten, erheblich einschränkt. Das Volksbegehren für Wahlfreiheit trägt Schülern wie meinen Freundinnen Rechnung. Klar, sie hätten eventuell weitere Schulwege bis zu einem G9-Gymnasium. Klar wäre damit das Gesamtproblem nicht gelöst. Aber es wäre ein Ausweg für diejenigen, die mit 13 Jahren noch nicht in der Lage sind, ganztägige Beschulung ohne Zeit für selbstständige Entfaltung durchzuhalten.

Dass das G8 in dieser Form kein gutes Schulsystem ist, da sind sich Schüler, Eltern und Lehrer weitgehend einig. Menschen aus anderen Bundesländern merken an dieser Stelle gerne an, dass sie auch ein G8 hatten und es dort gut funktioniere. Das ist möglich. Natürlich kann eine schulische Ausbildung auch in 8 Jahren zur allgemeinen Hochschulreife führen – nur ob die Schüler dann wirklich reif dafür sind, ist die Frage. In Bayern wurde der Lehrplan bei der Einführung des G8 nicht entrümpelt, sondern nur zusammengequetscht. Effektiv läuft es darauf hinaus, dass das Faktenwissen in kürzerer Zeit gelernt werden muss und für Handlungs- und Methodenwissen kaum Zeit bleibt. Zweifellos gibt es in diesem Schulsystem gute Ansätze, wie beispielsweise die W- und P-Seminare. Diese ermöglichen jedoch nicht dieselbe systematische Vertiefung in einem ganzen Fachbereich, wie es die Leistungskurse des G9 mit deutlichem Blick in Richtung der Universitäten taten. Das konnte ich als Studentin erleben: Als der erste G8-Jahrgang an die Universität kam, fielen die Erstsemester in einem solchen Ausmaß durch die Anfängerkurse, dass meine Fakultät die Anforderungen in diesen Kursen drastisch reduzieren musste. Man kann das Volksbegehren dafür kritisieren, dass es weiterhin dieses Schulsystem ermöglicht. Man kann es aber auch dafür unterstützen, dass es eine Alternative ermöglicht.

Natürlich wäre es besser, wenn man sich endlich an eine grundlegende Reform des Schulsystems wagte, statt weiter halbseidene Kompromisse einzugehen. Das kann als G8, G9, Gesamtschule oder ganz anders gelöst sein, aber wichtig wäre ein System, das Schülern einen Lebensraum statt eines Lernkäfigs bietet. Aber unter einer CSU-Landesregierung wird diese große Reform wohl in den nächsten Jahrzehnten nicht angepackt werden. Und bis dahin sehe ich die PIRATEN als Partei in der Pflicht, es den Schülern zumindest so leicht wie möglich zu machen. Es mag keine echte Wahlfreiheit sein, aber sie ist allemal besser als die aktuelle Situation. Wir kritisieren das G8 zu Recht – es ist ja nicht zuletzt auch unsere Jugend, die wegen des G8 immer weniger Chancen hat, sich parteipolitisch zu engagieren. Wenn wir jetzt nicht die Chance ergreifen, wenigstens auf eine minimale Verbesserung hinzuarbeiten, verlieren wir unsere Glaubwürdigkeit als politische Kraft.

Zu guter Letzt sollten wir einmal einen Ausblick wagen, was passiert, wenn das Volksbegehren erfolgreich ist: Im schlimmsten Fall gibt es keine Veränderungen, wenn fast alle Schulen beim G8 bleiben. Und dann wird das nächste Volksbegehren nicht lange auf sich warten lassen. Im besten Falle führt das aktuelle Volksbegehren tatsächlich zu mehr Wahlfreiheit. Wahrscheinlich wird sich wohl ein ganz anderes Szenario abspielen: Wenn das Volksbegehren erfolgreich ist, kann der Landtag eine Gesetzesalternative für den Volksentscheid vorlegen. Damit bleibt der bayerischen Staatsregierung die Möglichkeit, einen einfacheren Gegenentwurf vorzulegen, beispielsweise ein vernünftig gestaltetes G8 oder ein modernisiertes G9. Wenn das Volksbegehren nicht erfolgreich ist, würde dies als Signal gewertet, dass eine schweigende Mehrheit das G8 gutheißt.

Als Piraten wollen wir Änderungen voranbringen. Lasst euch daher nicht durch die Formulierung des Volksbegehrens beirren, sondern nutzt die Chance für einen Schritt in die richtige Richtung. Klarmachen zum Ändern!

Symbolbild: Sigmund Freund Gymnasium – by Peter Gugerell, Lizenz Public Domain

Hinweis: Dieser Kommentar wurde von Corinna Bernauer geschrieben und stellt nicht notwendigerweise die Meinung des ganzen Landesverbandes dar. Alle Mitglieder können Kommentare über das entsprechende Formular bei der SG Digitale Medien einreichen.

4 Kommentare zu “Pro: G8/G9-Volksbegehren – eine echte Chance

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