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Menschenrechte für den Michaela

Foto einer Zwitterstatue aus Paris (Scott Rettberg - CC-BY-SA)
Foto einer Zwitterstatue aus Paris (Scott Rettberg - CC-BY-SA)

Stell dir vor, du gehst mit 19 zum Arzt. Du glaubst, irgendwas stimmt mit dir nicht, weil du dich nicht einfach „normal“ für dein Geschlecht entwickelst. Dein Arzt erkennt nach der ersten Untersuchung bereits, „was dir fehlt“, verschweigt es dir aber und schickt dich in eine Klinik. Diese Klinik bekommt deine Diagnose natürlich mitgeteilt. Und schweigt ebenfalls.

Dort wirst du dann weiter untersucht, man sagt dir, du hättest da eine Fehlentwicklung und operiert dich, schneidet dich auf, untersucht dich. Immer und immer wieder. Den wahren Grund verschweigt man dir konsequent. Für eine Untersuchung schneidet man dich auf und entfernt dir dabei vielleicht einen Hoden. Man entfernt dir Schwellkörpergewebe, weil das „krankhaft vergrößert“ sei. Danach behandelt man dich mit Hormonen, damit du wieder „normal“ wirst. So, wie du zu sein hast. Nebenwirkungen der Hormone wie Depressionen? Egal, Hauptsache normal! Weshalb und warum das alles „nötig“ ist, wissen die Ärzte und verschweigen es dir. Die Wahrheit könnte dich ja psychisch verstören.

Du denkst, das sei in Deutschland nicht möglich? Du glaubst, das sei eine Beschreibung aus einem Dritte-Welt-Land, irgendwo ganz weit weit weg? Nach der Klageschrift von Michaela ist das alles passiert, hier in Deutschland. Der Michaela ist Intersexueller. Ein Zwitter. Medizinisch exakt ein Pseudohermaphrodit (maskulinus) mit eindeutigem XY-Chromosomenbild. Michaela ist genetisch gesehen ein Mann. Seine Genitalien wurden aber bei der Geburt als weiblich eingeordnet, und daher wurde er auch als Frau sozialisiert.

Er hatte bei der Geburt eine Vagina, weil sein Körper im Mutterleib entweder nicht genügend Testosteron produziert hat oder die Rezeptoren dafür defekt waren. Denn nicht die Chromosomen, sondern die Hormone bestimmen die geschlechtliche Entwicklung im Mutterleib. In der Pubertät wuchs dann sein Penis, wie das in der Pubertät eben so ist. Der Michaela ist einer von geschätzten 2 % der deutschen Bevölkerung, die einfach nicht eindeutig in das binäre biologische Geschlechtsmodell, das unsere Kultur prägt, passen.

Und da nicht sein kann, was nicht sein darf, da er nicht passte, musste er passend gemacht werden. Zumindest ist das die einzige Schlussfolgerung, die einem bleibt, wenn man die Klageschrift von Michaela vor dem Landgericht in Nürnberg liest und ihm Glauben schenkt.

Wer sich mit dem Thema Intersexualität intensiver beschäftigt, weiß, dass Michaelas Geschichte realistisch ist. Das Leitmotto der Medizin, „was nicht passt, wird passend gemacht“, beim Umgang mit Menschen mit so genannten „Sexualdifferenzierungsstörungen“ lässt sich kaum schöner auf den Punkt bringen als mit den Worten von Susanne Kessler in The medical construction of gender:

Genitale Uneindeutigkeit wird nicht deswegen korrigiert, weil sie bedrohlich für das Leben des Kindes ist, sondern weil sie bedrohlich für die Kultur des Kindes ist.

Und deswegen wurde in deutschen Krankenhäusern freudig gelogen und geschnippelt: Wenn eine Klitoris größer als 1 cm ist, ist eine „Reduktion“ (früher: Amputation) indiziert. Eine Operation am sensitivsten und für die sexuelle Befriedigung wichtigsten Organ eines Menschen, auch kurz nach der Geburt. Betroffenen hat man früher nicht mitgeteilt, was mit ihnen los ist. Manchmal erfuhren es nicht einmal die Eltern. So wurde bei den Betroffenen sehr viel Leid geschaffen.

Wir würden nicht nur gut daran tun, unsere Verantwortung als Gesellschaft anzuerkennen und Menschen, die unter ihrer Behandlung gelitten haben, zu entschädigen – dafür gibt es im Bundestag zwei Anträge (von den Linken und den Grünen) – sondern auch anzuerkennen, dass unser kulturell geprägtes binäres Geschlechtsmodell überwunden werden sollte:

So stellt zu einer Zeit, in der sich die klassischen Geschlechterrollen mehr und mehr auflösen, in der Sexualität nicht mehr zwangsläufig auf einem dichotomen und komplementären Verständnis der Geschlechter aufbaut und in der sogar die Geschlechtsidentität frei wählbar wird, die biologische Zweigeschlechtlichkeit – selbst ein historisch entstandenes Konzept – die letzte Bastion unseres westlich-abendländischen Geschlechtermodells dar.

Wir müssen unseren Umgang mit den Normen der Geschlechter dringend überdenken. Für weniger Leid und mehr Gerechtigkeit. Für Menschenrechte für alle. Auch für den Michaela.

Scott RettbergCC-BY-SA

Hinweis: Dieser Kommentar wurde von Benjamin Stöcker geschrieben und stellt nicht notwendigerweise die Meinung des ganzen Landesverbandes dar. Alle Mitglieder können Kommentare über das entsprechende Formular bei der SG Digitale Medien einreichen.

1 Kommentar zu “Menschenrechte für den Michaela

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